Aktion Mensch Studie: KI kann Teilhabe stärken. Aber nur unter bestimmten Voraussetzungen.
In einer Grundlagenstudie hat die Aktion Mensch Menschen mit Beeinträchtigung zu ihrer Nutzung von KI befragt: wie nutzen sie KI bereits heute? Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Wo sehen sie Chancen und wo Grenzen? Insgesamt wurden im Rahmen der Studie bundesweit 574 Menschen mit Beeinträchtigung online befragt.
Das Ergebnis: bereits 73 Prozent der Befragten nutzen KI-Anwendungen wie ChatGPT, Siri oder Alexa. 42 Prozent sogar mehrmals pro Woche oder täglich. KI unterstützt Menschen mit Behinderung zum Beispiel in Smart-Home-Anwendungen zur Lichtsteuerung, als Ratgeber beim Einkaufen oder als praktische Funktion im Alltag, beispielsweise zur Objekterkennung. Die meisten nutzen KI, um Fragen zu beantworten, Informationen zu finden oder sich Rat zu holen. Erst danach folgen kreative Tätigkeiten, wie Bilderstellung. Rund ein Drittel verwendet KI außerdem, um Kommunikation zu erleichtern – beispielsweise durch Übersetzungen, Vorlesefunktionen oder Untertitel. Automatische Bildbeschreibungen helfen blinden Menschen, Inhalte schneller zu erfassen. Live-Transkriptionen erleichtern Gespräche für gehörlose oder schwerhörige Menschen. Vorlesefunktionen oder vereinfachte Texte unterstützen Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Dyslexie. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass KI bestehende Hilfsmittel vor allem ergänzt, statt sie zu ersetzen.
Für viele Befragte geht der Nutzen von KI dabei über einzelne Funktionen hinaus. Sie erleben KI als Möglichkeit, Aufgaben selbstständiger zu erledigen und im Alltag unabhängiger zu handeln. Wenn Informationen leichter zugänglich werden, Kommunikation einfacher gelingt oder alltägliche Hürden wegfallen, stärkt das nicht nur die Bedienbarkeit einzelner Anwendungen, sondern auch die digitale und gesellschaftliche Teilhabe.
Die Studie vermittelt dabei aber an keiner Stelle den Eindruck, dass klassische Barrierefreiheit überflüssig wird – im Gegenteil. Die Forderungen der Befragten fallen überraschend eindeutig aus. 90 Prozent wünschen nachvollziehbare und transparente KI-Systeme. 87 Prozent fordern verpflichtende Barrierefreiheit und diskriminierungsfreie Systeme. 85 Prozent möchten, dass Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen an der Entwicklung von KI beteiligt werden. Selbst ein Anspruch auf Unterstützung beim Erlernen von KI-Anwendungen findet eine breite Mehrheit.
Darüber hinaus möchten Menschen mit Beeinträchtigung nicht nur Nutzerinnen und Nutzer von KI sein. Sie wollen ihre Entwicklung mitgestalten. Wer Lösungen für Menschen mit einer Behinderung entwickeln möchte, sollte die Menschen einbeziehen, die die Lösung später nutzen. Für KI gilt offensichtlich nichts anderes.
Die Studie der Aktion Mensch zeigt, dass künstliche Intelligenz für viele Menschen mit Beeinträchtigung bereits heute einen konkreten Nutzen hat. Gleichzeitig hat aber auch ein Viertel der Befragten KI bislang überhaupt noch gar nicht genutzt. Die Studie verweist daher darauf, dass sich in den Ergebnissen auch die digitale Ungleichheit widerspiegelt, die aus anderen Untersuchungen bereits bekannt ist. Sie warnt in diesem Zusammenhang auch vor einer Verschärfung der digitalen Kluft zwischen denen, die KI nutzen können, und denen, die keinen Zugang haben.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst viel KI einzusetzen, sondern dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, sie sinnvoll, sicher und barrierefrei zu nutzen.
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