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Kommt Barrierefreiheit im Netz voran?

27. Januar 2016

Am 30. Januar 2016 findet in München das openTransfer CAMP Inklusion statt. Beim dem Event, welches openTransfer zusammen mit der Aktion Mensch veranstaltet, geht es um die Themen Digitale Inklusion und Virtueller Sozialraum.

Die Macher der Veranstaltung haben im Vorfeld zu einer Blogparade eingeladen, um über die Frage zu diskutieren "wie es gelingen kann, mehr Menschen davon zu überzeugen, dass Barrierefreiheit kein Luxus, sondern ein dringend notwendiger Standard ist"

Da ich selbst beim openTransfer CAMP Inklusion in München sein werde und einen Workshop „Digitale Barrierefreiheit verstehen und mit Bordmitteln prüfen“ plane, möchte ich auch einen Betrag zur Blogparade liefern. Sozusagen ein subjektiver Erfahrungsbericht.

anatom5 – auf Barrierefreiheit spezialisiert

Ich möchte an dieser Stelle keine Eigenwerbung machen, sondern von Erfahrungen berichten. Seit 2003 entwickeln wir barrierefreie Internetseiten – oder versuchen es zumindest. Sechs gewonnene BIENE-Awards;(Biene steht für: Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten) bestätigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir nehmen das Thema sehr ernst. Trotzdem sind viele unserer Projekte irgendwann mit Barrieren behaftet. Warum ist das so?

Content is King – auch in Sachen Barrierefreiheit

In der Regel sind wir die Design- und Technik-Beauftragten. Wir gestalten Internetseiten. Wir programmieren die Frontend-Technik. Wir sind zumeist verantwortlich für eine Art technische Hülle. Ein barrierefreier Rahmen in dem sich die Online-Redaktion bewegen muss. Die Online- oder Content-Redaktion liegt in 99 Prozent der Fälle nicht in unserer Hand. Was bedeutet das? Online-Redakteure haben deutlich mehr Verantwortung, als ihnen häufig bewusst ist. Sie sind in der Regel diejenigen, die die Fahne der Barrierefreiheit hochhalten.

Redakteure müssen:
  • Texte strukturieren (einfache Sprache).
  • ein Grundverständnis von Semantik haben. Stichwort Überschriften-Hierarchien (ist auch für valides HTML wichtig).
  • sich mit HTML-Auszeichnungen für mehr Semantik auskennen, um beispielsweise Sprachwechsel, Abkürzungen oder auch Adressen maschinenlesbar zu machen.
  • sinnvolle Seitentitel vergeben.
  • Navigationspunkte vergeben, die keine Abkürzungen, keine Sprachwechsel und keine Bandwurmwörter beinhalten.
  • den Unterschied zwischen einer konsistenten und inkonsistenten Navigation verstehen (Stichwort: Linktypen).
  • wissen, was in einem Title-Attribut stehen sollte.
  • sich mit Alternativtexten auskennen (und zwar abhängig von Kontext, Bedeutung und Funktion).
  • sich mit barrierefreien PDF-Dokumenten auskennen.
  • sich mit verschiedenen Video-Formaten, Video-Untertiteln und Transskripten auskennen.
  • auch Grundlagen der Bildoptimierung beherrschen, damit Bilder nicht in Download-Größe integriert werden.
  • mit einem HTML-Validator umgehen können.
  • heutzutage auch immer mal wieder Emulatoren verwenden, um das Ergebnis der eigenen Content-Redaktion auf mobilen Endgeräten testen zu können.

Testen, dann prüfen und dann testen.

Damit soll nicht gesagt werden, dass die Verantwortung für Barrierefreiheit Redakteuren, beziehungsweise der Online-Redaktion überlassen werden soll und kann. Es muss aber letztendlich zu jeder Zeit eine Qualitätssicherung, ein Workflow und eine letzte Verantwortungs-Instanz definiert sein, damit Barrieren sich über Jahre nicht vermehren. Und ganz ehrlich, es muss auch gegenüber der Agentur immer eine verantwortliche Instanz geben, die sich mit Barrierefreiheit auskennt und diese im Rahmen der BITV einfordert – und gegebenenfalls sogar einen externen Experten (z. B. BIK-Test) zurate zieht.

Zuschlagskriterium niedrigster Preis

Barrierefreiheit kostet Geld. Denn Barrierefreiheit bedeutet in allen Arbeitsbereichen einen Mehraufwand gegenüber einer herkömmlichen Vorgehensweise: von der Formulierung der Ausschreibung, über die Auswahl der Agentur, die Qualitätssicherung, die interne Weiterbildung und Definition von Arbeitsabläufen, bis hin zur Erstellung von barrierefreien Inhalten. Vor allem, wenn man barrierefreie PDF-Dokumente, Gebärdensprachvideos, Inhalte in Leichter Sprache und dergleichen mehr hinzurechnet.

Die Öffentliche Hand fordert „Barrierefreiheit nach BITV muss erfüllt werden“ mittlerweile bei jeder Ausschreibung. Das ist normal. Ebenfalls normal ist aber häufig auch der Preis als das einzige Zuschlagskriterium. Ich habe darüber in einem älteren Beitrag auf dem Barrierekompass (Testen, testen und nochmal testen) schon mal schon mal etwas geschrieben.

Barrierefreiheit ist immer noch ein Nischenprodukt

Keine Frage, das Thema Inklusion hat auch das Thema barrierefreie Informationstechnik bei vielen Leuten auf den Schirm gebracht. Trotzdem ist das Thema digitale Barrierefreiheit aktuell in seiner Tragweite noch nicht auf breiter Ebene durchgesickert. Denken Sie beispielsweise nur mal an Schulen und Kindergärten. Deren Internetseiten werden häufig von engagierten Eltern oder Lehrern in Eigen-Regie nach Feierabend betrieben. Und die Online-Redaktion wechselt ungefähr so oft, wie die Vorsitzenden der Elternvertretung. Hier sind kaum Budget und noch weniger Fachwissen in Bezug auf Anforderungen an Digitale Barrierefreiheit vorhanden. Und dieses Beispiel steht nur exemplarisch für vergleichbare Situationen. 

Öffentlichkeitsarbeit fehlt, oder doch nicht?!

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein wichtiges Zugpferd in Sachen Barrierefreiheit im Internet verloren gegangen ist, als die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen im Jahre 2010 den BIENE-Award „begraben“ haben. Vielleicht ist das ja nur eine temporäre Erscheinung. Aber ein solches Aushängeschild fehlt heute. Andere Projekte, wie seinerzeit das ABI-Projekt, welches durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wurde (Projektlaufzeit 2002 bis 2010) haben keine Fördergelder mehr bekommen – und sind ebenfalls eingeschlafen. Gleiches gilt für das  Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit e. V. (BKB) das wohl zum 31.03.2016 die Türen schließt, allerdings um in der neu zu errichtenden Bundesfachstelle für Barrierefreiheit (siehe untent) aufzugehen.

Weg mit den Barrieren!

Das Anfang 2016 ganz neu gestartete Projekt „Weg mit den Barrieren!“ des Sozialverbands VdK Deutschland versucht auf breiter Ebene die Lücke zu füllen. Der Ansatz ist super. Hoffentlich wird die Seite www.weg-mit-den-barrieren.de in Kürze auch ihren eigenen Ansprüchen gerecht und merzt handwerkliche Fehler (Barrieren) schnell aus.

Seit Mitte/Ende 2015 ist der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Internetauftritt www.bik-für-alle.de online. Der Auftritt soll Aufklärungskampagnen in den Bereichen Wirtschaft, Handel, Ausbildung, Luftverkehr sowie Soziales und Kommunen unterstützen. Zielgruppen des Angebots sind in erster Linie Unternehmen, Verbände oder Kommunen, die bislang noch nicht mit dem Thema des barrierefreien Internets in Berührung gekommen sind. Auch das ist vielversprechend.

Weiterentwicklung des Behindertengleichstellungsgesetzes

Auch positiv ist: Das Bundeskabinett hat Januar 2016 den Gesetzentwurf zur Weiterentwicklung des Behindertengleichstellungsrechts beschlossen. Dazu erklärt die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles: „In diesem Jahr wollen wir die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen nachhaltig stärken und verbessern.“ Geplant ist unter anderem die Stärkung der Leichten Sprache.

Bundesfachstelle für Barrierefreiheit

Bundesfachstelle für Barrierefreiheit (wie vom Deutschen Behindertenrat (DBR) gefordert): Besonders hervorzuheben ist die geplante Unterstützung der Umsetzung von Barrierefreiheit durch die Bundesfachstelle für Barrierefreiheit, die bei der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See errichtet werden soll. Diese Bundesfachstelle schließt hoffentlich eine bislang vorhandene Lücke und stellt somit einen einheitlichen BITV-Ansprechpartner für den Bund zur Verfügung. Ein wichtiges Signal. Die Bundesfachstelle soll nämlich ebenfalls zur Verbesserung der Barrierefreiheit beitragen, indem sie Behörden bei der Umsetzung von Barrierefreiheit berät und unterstützt. Darüber hinaus kann sie auch weitere Akteure, wie die Wirtschaft, in Fragen der Barrierefreiheit beraten und unter anderem zur Bewusstseinsbildung beitragen. Unterstützt wir das Projekt vom Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit e. V.

Fazit

Mein Beitrag ist länger geworden als geplant. Das Fazit in Bezug auf die Fragestellung „Kommt Barrierefreiheit im Netz voran?“ lautet: Es gibt Licht und Schatten. Bewusstseinsbildung ist wichtig. Es gibt Projekte, die sich um Bewusstseinsbildung und Öffentlichkeitsarbeit kümmern. Das ist gut (Endet aber häufig, wenn Projektgelder auslaufen). Trotzdem verfestigt das vielleicht auch die Erkenntnis, dass Barrierefreiheit und Inklusion Geld kosten. Vor allem, wenn man eine breite Nutzerschaft mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten im Fokus hat.

Barrierefreiheit gibt es nicht zum Nulltarif. Qualitätssicherung, interne Weiterbildung, Definition von Arbeitsabläufen und Prüfroutinen müssen installiert und dokumentiert werden. Alle Beteiligten müssen 150 Prozent wollen, um 95 Prozent zu erreichen. Ansonsten bleiben manche Barrieren unüberwindlich – und digitale Inklusion ein Traum.

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Buch Barrierefreiheit

Titelseite Buch Barrierefreiheit für Online-Redakteure und Entscheider

Barrierefreies Internet

Als Agentur für Universelles Design und Herausgeber des Barrierekompass, hat anatom5 seit 2003 eine weitreichende Expertise im Bereich barrierefreie Informationstechnologie erlangt.

Spezialisierte BITV-Agentur

Die Leistungsfelder umfassen das gesamte Thema Barrierefreiheit nach BITV: Barrierefreies Internet, Barrierefreie PDF, Barrierefreies Responsive Design, Usability & Accessibility Konzeption, Leichte Sprache, Einfache Sprache, UI-Design, BITV-Testing, Schulungen und Workshops.

Ausgezeichnete Barrierefreiheit

Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Barrierefreiheit spiegelt sich auch in diversen Auszeichnungen wider, die anatom5 seit 2003 erhalten hat (BIENE-Awards, Projekte aus der 90plus Liste).

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