BFSG 2025 – viel Lärm um nichts?
Mitte 2025 ist die Schonfrist des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) abgelaufen. Auf dem Weg dorthin entwickelte sich um das Thema ein regelrechter Hype. Man hatte das Gefühl, es herrscht Goldgräberstimmung. Und jetzt? Was ist von der ganzen Aufregung geblieben? Was hat das BFSG verändert? Wenn man sich umsieht, dann hat das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz viel weniger Impact gehabt, als erwartet.
Der Digital Trust Index 2025, eine von der Digitalberatung Craftzing initiierte und durchgeführte Studie, die regelmäßig den Zustand der digitalen Barrierefreiheit in Europa untersucht, konnte jedenfalls kaum Verbesserung feststellen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Anfang August 2025 eine Studie des Beratungsunternehmens EY Österreich (Ernst & Young) in Zusammenarbeit mit risikomonitor.com. Und auch die große Studie zur Barrierefreiheit von Online-Shops, die die Aktion Mensch gemeinsam mit Google, der Stiftung Pfennigparade und der Firma BITV-Consult im Jahr 2025 wiederholt hat, konnte keine signifikanten Fortschritte feststellen.
Die Frage muss also erlaubt sein: ist das BFSG bisher ein Rohrkrepierer?
Ein Gesetz mit guter Absicht und erheblichen Nebenwirkungen
Mit dem BFSG wurde erstmals ein breiter wirtschaftlicher Anwendungsbereich für digitale Barrierefreiheit verbindlich geregelt. Die Zielsetzung war klar: Menschen mit Behinderungen sollten gleichberechtigten Zugang zu digitalen Produkten und Dienstleistungen erhalten. Was dann folgte, war eigentlich absehbar. Wie schon bei früheren Regulierungen (Stichwort DSGVO) entstand lange vor dem Stichtag Mitte 2025 ein Pseudo-Markt, der Goldgräber, Heilsversprecher und Scharlatane gleichermaßen anlockte. Zwischen 2023 und Mitte 2025 war auf allen Kanälen eine starke Dynamik zu beobachten, egal ob LinkedIn, Facebook oder Google Ads. Überall ging es gefühlt nur noch um das BFSG.
Innerhalb kurzer Zeit traten unzählige selbsternannte „BFSG-Experten und Expertinnen“ auf den Plan, deren Qualifizierung sich im besten Fall auf kompakte Schulungen und neu aufgekommen Zertifikate stützte, im schlechtesten Fall auf Kompetenzsimulation bei vollkommener Ahnungslosigkeit. Kaum Erfahrung aber bereit für große Aufgaben.
Fast alle Agenturen, die im Bereich SEO und E-Commerce unterwegs waren, nahmen Barrierefreiheit kurzfristig als weiteres Angebot in ihr Leistungsportfolio mit auf, in der Regel sicherlich, ohne die dafür notwendigen fachlichen Kompetenzen nachhaltig aufzubauen. Wie viele Agenturen plötzlich schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, Erfahrung im Bereich der digitalen Barrierefreiheit hatten, ist schon frappierend. Ich würde Interessenten und Interessentinnen im Zweifelsfall mal einen Blick ins https://web.archive.org/ empfehlen. Dort kann man leicht überprüfen, ob die hoch gepriesene Expertise in Sachen Barrierefreiheit wirklich schon seit Jahren im Agenturangebot war.
Parallel zu dieser Entwicklung haben die ohnehin schon penetrant am Markt agierenden Overlay-Tool-Anbieter ihren Marketingdruck in den Jahren vor 2025 weiter erhöht, um auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Dass Accessibility-Overlay-Tools noch keine einzige Webseite barrierefrei gemacht haben, muss ich hier nicht wiederholen.
Das Problem ist nicht, dass neue Akteure in den Markt eintreten. Problematisch ist, dass digitale Barrierefreiheit ein Feld ist, das sich nicht schnell erschließen lässt. Wer Barrierefreiheit ernsthaft umsetzen will, muss sich mit technischen, gestalterischen und inhaltlichen Anforderungen, Assistenztechnologien, unterschiedlichen Behinderungsarten, redaktionellen Prozessen und dergleichen mehr auseinandersetzen.
Accessibility-Overlays als Symbol einer Fehlentwicklung
Besonders deutlich zeigt sich die Diskrepanz zwischen Hoffnung und Realität am massenhaften Einsatz von Accessibility-Overlay-Tools. Die Anbieter versprechen schnelle Abhilfe, geringe Kosten und rechtliche Absicherung. In der Praxis sind sie vor allem eines: ein Symptom dafür, dass Barrierefreiheit nicht verstanden wurde. Overlays können strukturelle Probleme nicht beheben. Sie ändern weder fehlerhafte HTML-Semantik noch schlechte Tastaturbedienbarkeit oder unzugängliche Inhalte. Dass sie dennoch so häufig eingesetzt werden, liegt weniger an bösem Willen als an systemischen Anreizen.
Viele Entscheiderinnen und Entscheider suchen vor allem nach sichtbaren Maßnahmen, mit denen sich Handlungsfähigkeit demonstrieren lässt, ohne bestehende Strukturen grundlegend zu verändern. Gleichzeitig standen und stehen Barrierefreiheitsmaßnahmen häufig unter dem Vorbehalt knapper Budgets und begrenzter personeller Ressourcen, was nachhaltige Investitionen zusätzlich erschwert. Hinzu kommt die verbreitete Einschätzung, dass echte Maßnahmen zur Herstellung digitaler Barrierefreiheit als zu aufwendig, zu komplex oder nur schwer kalkulierbar gelten. Nicht zuletzt spielt bisher vermutlich auch eine Rolle, dass die tatsächliche Durchsetzung des BFSG in Deutschland bislang gering ist und regulatorischer Druck vielerorts kaum spürbar ist.
Warum sich die Barrierefreiheit kaum verbessert
Trotz der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit sind messbare Verbesserungen der digitalen Barrierefreiheit bislang überschaubar geblieben. Das liegt weniger am fehlenden Problembewusstsein als an strukturellen Missverständnissen. Die Umsetzung digitaler Barrierefreiheit erfordert eine dauerhafte Verankerung in Gestaltungs-, Entwicklungs- und Redaktionsprozessen sowie in organisatorischen Strukturen. Auf Managementebene steht dann schnell die Frage im Raum „was passiert eigentlich, wenn wir das nicht machen“ … das Ergebnis: abwarten oder ein Accessibility-Overlay einbinden, damit man sieht, dass man das Thema zumindest auf dem Schirm hat.
Vor diesem Hintergrund hat der Markt bisher vor allem lautstarke Heilsversprecher belohnt. Akteure, die einfache und schnelle Lösungen versprechen, fanden und finden Gehör, während diejenigen, die auf notwendige strukturelle Umbauten, umfassende Schulungen von Teams und realistische Zeiträume hinwiesen, häufig als zu kompliziert oder zu unbequem wahrgenommen werden. Diese Dynamik führte dazu, dass kurzfristige Maßnahmen gegenüber nachhaltigen Ansätzen bevorzugt wurden und werden.
Hinzu kommt wie gesagt, dass vor allem die ganzen kleineren Wirtschaftsakteure erstmal abgewartet haben und das auch immer noch tun. Denn solange es kaum spürbare Kontrollen oder Sanktionen gibt, erscheint Nichtstun oder eine minimale Form von Compliance aus Unternehmenssicht eine naheliegende Option. In einem Umfeld begrenzter Ressourcen und anderer Prioritäten wird Barrierefreiheit daher vielfach aufgeschoben oder auf das absolut Notwendige reduziert.
Viel Hype und ein Dschungel an Anbietern
Ein besonders problematischer Effekt des BFSG-Hypes ist die gewachsene Unübersichtlichkeit im Markt. Wenn man vor 15 Jahren nach einer Agentur oder einem Dienstleister gesucht hat, der sich wirklich mit dem Thema digitale Barrierefreiheit auskannte, dann wurde man auch ziemlich sicher fündig. Die paar Expertinnen und Experten, die es gab, waren zu der Zeit keine Trittbrettfahrer. Dafür war der antizipierte Markt noch zu klein. Das hat der Hype um das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz nachhaltig verändert. Heute gibt es Pseudo-Experten wie Sand am Meer. Für Unternehmen, öffentliche Stellen aber auch Vertreter der Presse ist es heute viel schwieriger geworden, fundierte Expertise von oberflächlichen Angeboten zu unterscheiden.
Der Markt ist auf der Anbieterseite proportional zum Hype gewachsen. Demgegenüber steht ein sehr zurückhaltender Markt der Nachfrage. Die massiv gestiegene Anzahl an Anbietern und Stimmen im Markt hat bislang nicht zum mehr Barrierefreiheit geführt, ganz sicher aber zu mehr Desorientierung. Wenn plötzlich jeder Experte für digitale Barrierefreiheit ist, wie sollen Kunden dann noch durchblicken. Am Ende dient das nicht der Barrierefreiheit – und es bleibt zu hoffen, dass sich zumindest die enttäuschten Glücksritter, die sich mehr vom BFSG versprochen hatten, anderen Dingen zuwenden und das Feld den ernsthaften Expertinnen und Experten überlassen.
Gesetze müssen durchgesetzt werden
Auch wenn das in diesem Beitrag anders klingt, das BFSG hat auch viel in Bewegung gebracht. Damit aus einem Papiertiger aber mehr werden kann, müssen die Marküberwachungsbehörden ihren Dienst aufnehmen und Marktteilnehmern auf die Füße treten. Um es ganz Platt auszudrücken, es muss mehr Druck auf den Kessel. Ansonsten schläft der Tiger ein, bevor er überhaupt richtig erwacht ist. In anderen Europäischen Ländern gab es schon die ersten Sanktionen. In Deutschland warten wir noch auf die ersten Präzedenzfälle. Letztendlich müssen aber auch Menschen mit Behinderung stärker von Ihrem Recht Gebrauch machen und Barrieren melden, wo immer sie welche entdecken. Gleiches gilt für Behindertenverbände.
Fazit:
Das BFSG scheint bislang weniger Antreiber realer Barrierefreiheit als vielmehr Katalysator für Goldgräber, Aktionismus und Scheinlösungen gewesen zu sein. Messbare Verbesserungen sind bisher ausgeblieben, weil echter Fortschritt im Bereich der digitalen Barrierefreiheit Zeit, Wissen und eine strukturelle Verankerung braucht – nicht haltlose Marketingversprechen. Wenn Kontrollen und ernsthafte Sanktionen ausbleiben, wird das BFSG zum Papiertiger. Es wäre schön, wenn das nicht so wäre, aber wenn es anders wäre, bräuchte es kein BFSG und keine BITV. Es braucht Gesetze, auch wenn viele das nicht gerne hören. Und es braucht Kontrollen und Sanktionen, sonst werden Gesetze missachtet oder halbherzig umgesetzt. Das ist leider dir Realität.
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Die intensive Beschäftigung mit digitaler Barrierefreiheit spiegelt sich auch in diversen Auszeichnungen wider, die anatom5 seit 2003 erhalten hat, darunter 10 Nominierungen für einen BIENE-Awards der Aktion Mensch.
