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Zertifikat für Barrierefreiheit und einfache Sprache

7. Februar 2005

Kürzlich hat die Pressemeldung des AbI-Projekts mit dem Titel "Einheitliche Qualitätskennzeichnung für barrierefreie Internetseiten", und das damit verkündete Vorhaben ein offizelles Zertifikat für Barrierefreies Webdesign herauszubringen, für erhebliches Aufsehen gesorgt.

Passend dazu ist uns gerade ein Artikel in die Hände gefallen, der sich auf ganz anderem Gebiet mit einer Problematik befasst, die den Unsinn der Debatte um ein Zertifikat für barrierefreie Websites sehr anschaulich macht. Der Arikel befasst sich mit dem Problem "einfache Sprache".

Amtsdeutsch Vereinfachen

Unter der Überschrift "Amtsdeutsch Vereinfachen" veröffentlichte das Fachmagazin Pressesprecher in der Ausgabe 01/2005 eine Geschichte, die das Leben schrieb. Dass die deutsche Sprache, neben teilweise nur regional verständlichen Dialekten, auch komplizierte Varianten des sogenannten Hochdeutsch hervorgebracht hat, ist jedem bekannt. Wer musste sich nicht schon mal mit Juristen-Deutsch, Amtsstuben-Deutsch, oder Mediziner-Deutsch rumschlagen. Klartext ist hier Fehlanzeige.

Anders im Städtchen Winsen im Landkreis Harburg. Nachdem der Landrat Axel Gedaschko vor den Amtsbescheiden der eigenen Kreisverwaltung mehrfach kapitulieren musste, wurde ein - in Deutschland - sensationeller Entschluss gefasst. Die Verwaltung in Winsen sollte lernen, wieder bürgerfreunlich zu formulieren, sprich die eingebürgerte Behördensprache sollte vereinfacht werden. Auch in Deutschland kommt das fast einer Palast-Revolution gleich.

Überzeugungsarbeit und Externe Sprachberatung

Dass die Idee des Landrates nicht zu allgemeinen Begeisterungsstürmen führen würde, war schnell klar. Unter den Angestellten im Allgemeinen hat der Beamte im Speziellen sicherlich nicht den Ruf besonderer Flexibilität. Insofern ist die Leistung des Landrates von Winsen beachtlich. Denn, soviel kann man vorweg nehmen, die Initiative des Landrates war erfolgreich. So erfolgreich, dass sich heute sogar andere Behörden bei den Winsenern Rat einholen. Ebenso, wie verschiedene Versicherungen.

Vorher war allerdings sehr viel Überzeugungsarbeit nötig. Dazu wurde im Herbst 2003 extra eine spezielle Projektgruppe gebildet, es wurde ein externer Berater angeheuert, und es wurden Schreibkurse veranstaltet. "Um dem Projekt die Spitze zu nehmen, holte (man) den Hamburger Medientrainer Peter Berger mit an Bord": Dieser ging sämtliche Formulare und Textbausteine der Behörde durch und identifizierte die gängigsten Probleme. Daraus entstand ein Katalog mit 10 einfachen Regeln. So sollten künftig zum Beispiel Paragraphen nicht mehr mitten im Satz, sondern am Ende stehen, und Abkürzungen wie g.g.u. sollen ausgeschrieben werden. Also: gelesen, genehmigt, unterschrieben.

Bewusstsein für einfache Sprache geweckt

Damit sich das Amtsstuben-Deutsch aber nicht wieder einschleichen kann, wurden in einem weiteren Schritt Multiplikatoren aus allen Abteilungen entsprechend sensibilisiert. Gemeinsam hat man dann, unter den wachsamen Augen der Hausjuristen, die wichtigsten Formulare der Behörde umformuliert. Immerhin schon an die 2000 Formulare und Textbausteine.

Spürbarer Erfolg

Natürlich ist so eine Umstellung von Amtsstuben-Deutsch auf bürgerfreundliche Sprache keine "Sache von heute auf morgen", aber der Erfolg ist jetzt schon spürbar, so der Pressesprecher der Stadt Winsen. Und damit ist auch bei den Mitarbeitern das Bewusstsein und der Ehrgeiz geweckt, denn:

Bei einigen Formularen bleiben die früher typischen Nachfragen von Bürgern nun aus. Das spart jedes Mal fünf bis zehn Minuten Arbeitszeit.

Man sieht also, "Barrierefreiheit" hat auch handfeste Vorteile. Zeitersparnis lässt sich hervorragend in eine Kostenersparnis umrechnen. Auch das ist auf Barrierefreies Internet übertragbar.

Zertifikat für einfache Sprache?

Nur eins kann man sicherlich nicht: Ein offizielles Zertifikat für einfache Sprache vergeben. Und eben das macht die Debatte um ein Zertifikat für Barrierefreiheit im Internet so unsinnig. Es wird auch in Zukunft immer Bereiche der Barrierefreiheit geben, die man nicht objektiv bewerten kann. Dazu zählt nunmal auch einfache Sprache, eine der Forderungen der BITV, die eben relativ ist.

Leider ist die offizielle Internetseite der Stadt Winsen gerade 2004 runderneuert worden, und leider ist man den genialen Ansätzen der Kreisverwaltung hier nicht gefolgt. Barrierefreies Webdesign sieht anders aus. Aber vielleicht wird das ja irgendwann auch noch.

Übrigens: Der Medienberater Peter Berger hat seine Erfahrungen und Sprach-Tipps in der Stilfibel "Flotte Schreiben vom Amt" zusammengefasst. Vielleicht haben wir hier ja ein zukünftiges Standardwerk entdeckt.

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