Inhalt

Websites der Behindertenbeauftragten im Test

13. September 2005

Kürzlich haben wir durch eine Pressemitteilung erfahren, dass die Initiative "Pro Dialog", der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und das Projekt "Barrierefrei informieren und kommunizieren" (BIK) im Rahmen eines Tests herausfinden wollten, ob die deutsche Parteienlandschaft mit zugänglichen Internetauftritten glänzen kann.

Getestet wurden die Seiten von SPD, CDU, CSU, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und Die Linke/PDS. Ergebnis des Tests: Die Seiten sind durchweg stark verbesserungswürdig, teilweise für blinde und sehbehinderte Besucher gar nicht nutzbar.

Parteien schlecht, Behindertenbeauftragte besser?!

Wie es der Zufall so will, haben wir vom Barrierekompass uns zeitgleich die Mühe gemacht, die Internetauftritte der Behindertenbeauftragten der CDU, SPD sowie FDP, Bündnis 90/Grüne und der PDS auf Barrierefreiheit zu testen. Diesmal wollten wir es ganz genau wissen. Deshalb haben wir uns nicht mit dem einfachen Barriere-Check zufrieden gegeben. Für das brisante Thema Behindertenbeauftragte musste schon der Barriere-Check Pro her. Das Ergebnis des Parteientests war ja schon nicht sonderlich beeindruckend. Die Frage ist, ob die Behindertenbeauftragten ihrer Vorbildfunktion gerecht geworden sind und besser abgeschnitten haben.

Behindertenbeauftragte als Vorbilder

Wahlen werden an der Urne entschieden. Immer mehr Wechselwähler und Kurzentschlossene bestimmen den Ausgang von Wahlen. Die Gründe hierfür sind so verschieden, wie die Menschen, die wählen dürfen: Von Entmutigung bis hin zur fehlenden Information reicht die Palette der möglichen Gründe. Dabei macht es das Internet besonders leicht, sich besser und schneller zu informieren, sollte man meinen. Doch nicht jeder kommt an die Informationen heran, die auf den Websites angeboten werden. Besonders ältere und behinderte Menschen sind hiervon betroffen. Zu kleine Schriftgrößen, unverständliche Navigationselemente und schlechte Farbkontraste sind nur die Spitze des Eisbergs. Aktuelle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass rund 90 Prozent aller Websites nicht zugänglich sind. Dabei gibt es in Deutschland bereits seit 3 Jahren die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV), die für Körperschaften des Bundes gilt. Einige Bundesländer haben die Verordnung zur Schaffung einer barrierefreien Informationstechnologie in ihre Landesgesetze übernommen und weitere werden diesem Beispiel folgen. Sollten dann nicht auch die Personen, die Politik in Deutschland betreiben, eine barrierefreie Website haben, die Informationen für alle bereitstellt?

Fünf Politiker im Barriere-Check

Alle Politiker des aktuellen Bundestags zu testen, wäre angesichts der 598 Mandate ein zeitaufwendiges Unterfangen geworden. Außerdem sind nicht alle Parteien, die bundesweit operieren und Aussicht auf einen Sitz im neu zu wählenden Bundestag haben, im aktuellen Bundestag vertreten. Und dankenswerter Weise hat der Parteientest des DBSV eine interessante Lücke geschlossen. Daher haben wir uns entschieden, diejenigen Politiker-Websites zu testen, die sich um die Belange behinderter Menschen im Besonderen kümmern: Die Behindertenbeauftragten. Im Einzelnen sind dies:

Gegenwärtig ist Karl Hermann Haack der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und in dieser Funktion einer der Ansprechpartner für die Einhaltung und Umsetzung der BITV. Damit wir nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, haben wir die Wahlkampf-Seite von Karl Hermann Haack getestet und nicht die Website, die seine Funktion als Beauftragter der Bundesregierung widerspiegelt. Auch die Websites der weiteren Politiker im Test sind Wahlkampf-Seiten und spiegeln die Arbeit der einzelnen Politiker wieder.

Testverfahren & Bewertung

Getestet wurden alle Politiker-Seiten mit Hilfe des Barriere-Check Pro. Der Barriere-Check Pro besteht aus acht Kategorien mit weiteren Einzelprüfschritten:

  1. Einhaltung von Web-Standards
  2. Alternativtexte für Fotos & Grafiken
  3. Variable Schriftgröße
  4. Funktionsfähigkeit ohne Plugins oder deaktiviertem JavaScript
  5. Alternativen für Multimedia
  6. Zusätzliche Ansichtsoptionen (Schwarzweiß-Ansicht)
  7. Ausreichend Farbkontraste
  8. Verständliche Sprache, Erklärung von Abkürzungen

In jeder Kategorie wurden pro Politiker-Website drei verschiedene Einzelseiten getestet, die folgendem Muster entsprechen:

  • URL 1: Startseite
  • URL 2: Unterseite mit aktuellen Meldungen
  • URL 3: Formularseite (Kontakt / Suche)

Auf diese Weise erzielt man beim Testen einen repräsentativen Querschnitt durch die Website und verringert somit die Gefahr, dass man eine besonders schlechte oder gute Seite testet, die den Gesamteindruck einer Website nicht widerspiegelt.

Die Ergebnisse der einzelnen Kategorien werden am Ende nach ihrer Bedeutung gewichtet und zu einem Gesamtergebnis pro getestete Website verdichtet. In einem Prozentwert drückt sich dann die Barrierefreiheit aus, wobei folgende Bewertungsskala nach dem Schulnoten-Prinzip zugrunde gelegt werden kann:

  • 0–15%: ungenügend
  • 16–39%: mangelahft
  • 40–59%: ausreichend
  • 60–79%: befriedigend
  • 80–94%: gut
  • 95–100%: sehr gut

Wer hat die beste barrierefreie Website unter Deutschlands Behindertenbeauftragten? Vorneweg, es gibt keinen Gewinner. Barrierefrei ist keine der getesteten Seiten. Insgesamt kam keine der getesteten Seiten über ein befriedigend hinaus. Für Behindertenbeauftragte ist das zu wenig.

  • 77% für Andreas Jürgens (Bündins 90 / Die Grünen)
  • 73% für Hubert Hüppe (CDU)
  • 65% für Daniel Bahr (FDP)
  • 52% Ilja Seifert (Die Linke/PDS)
  • 51% für Karl Hermann Haack (SPD)

Den besten Kompromiss liefert die Website von Andreas Jürgens, die unter anderem positiv mit einem Wahlprogramm in einfacher Sprache überrascht, wenngleich auch nur als PDF-Download. Alle getesteten Websites nutzen nur einen Teil der Möglichkeiten, die Webstandards heute bieten. Druckversionen oder alternative Anzeigemöglichkeiten mit extragroßer Schrift konnten wir bei keiner der getesten Websites finden. Das Gleiche gilt für Informationen in Gebärdensprache: Kein Politiker hält Informationen in Form von Gebärdensprach-Videos bereit. Interessant wäre hier das Wahlprogramm der Partei oder Informationen über die Person selbst.

Das schlechte Abschneiden der Websites insgesamt zeigt, dass das Thema noch nicht angekommen ist. Auch nicht bei denen, die sich täglich für die Belange behinderter Menschen einsetzen. Erschreckend hierbei das Abschneiden der Website von Karl Hermann Haack. Sich hinter der staatlich finanzierten Website des Bundesbeauftragten zu verstecken reicht nicht aus, wenn man Vorbild ist. Mit wenig Aufwand und geringen Mitteln kann man heute bereits standardkonforme und barrierearme Websites erstellen lassen.

Vor allem die Website von Daniel Bahr zeigt, dass barrierefreie Websites nicht langweilig aussehen müssen. Im direkten Vergleich unterliegt er zwar der Website von Hubert Hüppe, widerlegt jedoch dessen These, dass barrierefreie Websites so aussehen müssen, wie die Website von Hubert Hüppe aussieht: Langweilig, trist, kastenförmig.

Einen Musterschüler gibt es nicht: dreimal befriedigend und zwei ausreichend reichen zur Versetzung, aber die Hausaufgaben wurden in vielen Fällen nicht gemacht. Hier darf man von behindertenpolitischen Sprechern sicherlich mehr erwarten. Auch und gerade im Interesse der Menschen, deren Interessen sie vertreten. Die Details der einzelnen Tests folgen in einer Serie auf dem Barrierekompass.

zurück zur Übersicht

Buch Barrierefreiheit

Titelseite Buch Barrierefreiheit für Online-Redakteure und Entscheider

Barrierefreies Internet

Als Agentur für Universelles Design und Herausgeber des Barrierekompass, hat anatom5 seit 2003 eine weitreichende Expertise im Bereich barrierefreie Informationstechnologie erlangt.

Spezialisierte BITV-Agentur

Die Leistungsfelder umfassen das gesamte Thema Barrierefreiheit nach BITV: Barrierefreies Internet, Barrierefreie PDF, Barrierefreies Responsive Design, Usability & Accessibility Konzeption, Leichte Sprache, Einfache Sprache, UI-Design, BITV-Testing, Schulungen und Workshops.

Ausgezeichnete Barrierefreiheit

Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Barrierefreiheit spiegelt sich auch in diversen Auszeichnungen wider, die anatom5 seit 2003 erhalten hat (BIENE-Awards, Projekte aus der 90plus Liste).

anatom5 hilft Ihnen bei der Umsetzung von Barrierefreiheit im Internet