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WDR mit Relaunch - jetzt barrierefrei?

6. Dezember 2004

Heimlich still und leise hat sich der WDR an die Hausaufgaben begeben, denn seit dem 01.01.2004 ist das neue Landesgleichstellungsgesetz in NRW in Kraft. Darin geregelt ist die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz und in dessen Folge die namentliche Erwähnung des WDR als in der Pflicht befindliche Instanz. In einfacher Sprache: Der Westdeutsche Rundfunk muss barrierefrei sein.

Vorsichtiges Auftreten: barriere-arm

Erfolgreich ist mitunter derjenige, der aus den Fehlern anderer lernt. Zum Beispiel aus den lauten PR-Trompeten des NDR, die zu schnell zu viel und vor allem nicht ganz korrektes von sich gegeben haben. Immerhin wurde beim NDR nachgebessert, so dass ein Flurschaden ausblieb. Vielleicht hat das laute Treiben um die Verleihung des BIENE-Award auch Schlimmeres verhindert. Jedenfalls schlägt man beim WDR vorsichtige Töne an. Unter dem Titel "Der richtige Klick für NRW - fast barrierefrei" ist heute der Relaunch der WDR-Seite erfolgt. Lokalpatriotismus hin oder her: wir haben die Website des WDR durch den Barriere-Check gejagt. Barriere-arm oder barrierefrei? Sekt oder Selters?

Standards

Ein guter Einstieg für den WDR. HTML und CSS validieren in den meisten Fällen und wenn, dann gibt es höchstens einen Fehler im HTML-Quelltext. Und das nach dem strengen XHTML 1.0 Strict Standard. Weniger gut: man nutzt einen Meta-Refresh, der die Seite nach 15 Minuten neu lädt. Ein guter Ansatz ist daher die Option "Automatische Aktualisierung abschalten." in der Kopfzeile jeder Seite. Nur leider funktioniert das nicht. Die ein oder andere Tabelle befindet sich auch noch im Quelltext, unsere Tabellen ließen sich aber problemlos linearisieren. Unschön, aber erlaubt.

Fotos & Grafiken

Bilder werden immer mit Alternativ-Texten belegt, deren Qualität durchaus bemerkenswert ist, selbst im redaktionellen Teil der Seite. Im Gegensatz zum NDR ist die Navigation nicht grafisch, was auch positiv auffällt. Bei abgeschalteten Stylesheets funktioniert die Seite immer noch. Animationen werden nicht genutzt und Imagemaps findet man auch nicht. Vorbildlich.

Schriftgröße & Farbkontraste

Die Schriftgröße ist auf allen Seiten skalierbar und bleibt auch bei geringer Auflösung noch gut lesbar. Leider ist die Seite scheinbar für eine Auflösung von 800x600 Pixel optimiert worden - darunter gibt es horizontale Scrollbalken, der Inhalt bleibt aber spaltenweise lesbar. Vergrößert man die Schrift mit dem Firefox, verschwinden Teile der Seite nach rechts aus dem Bildschirm. Unschön, vor allem, wenn man auf starke Vergrößerungen angewiesen ist.

Weniger gut: die Farbkontraste. Dunkles Blau und Schwarz machen es zum Teil schwer, die Navigation auf der Startseite zu erkennen. Nicht viel besser sieht es da in den meisten Unterbereichen aus. Hier gibt es noch Nachholbedarf.

Lobenswert: an eine echte Druckversion mit CSS wurde ebenso gedacht, wie an einfache Benutzerführung und eine übersichtliche Suchfunktion, deren Ausgabe jedoch noch nicht ganz mit dem tabellenlosen Design der restlichen Seite zusammenspielt. Da die Seite sich nur unter Schmerzen vergrößern läßt, vermissen wir erneut ein Stylesheet, das eine Ansicht für Menschen mit Sehschwäche bereitstellt.

Benutzbarkeit & Sprache

Bisher macht die Seite einen guten bis sehr guten Eindruck. Die BITV hat man weitestgehend im Griff, aber was ist mit der Usability? Der WDR meint dazu selbstsicher:

Die Internetseiten von wdr.de sind jetzt für alle User wesentlich einfacher und besser zu erreichen. Denn seit heute ist unser neues barrierearmes Internet-Angebot online. Davon profitieren nicht nur User mit Beeinträchtigungen.

Und doch, ja, die Seite ist leichter zu bedienen. Vornehmlich jedoch für Senioren und Menschen mit Behinderungen, denn am generellen Konzept der Seite hat sich nicht viel geändert, wie der direkte Vergleich zur alten Seite zeigt. In Punkto Ladezeit hat sich die Seite nicht verbessert - die Faustformel "barrierefrei = kurze Ladezeit" geht leider nicht immer auf, vor allem dann nicht, wenn man eine div-Hölle produziert. Bleiben wir aber beim Thema: leichter zu bedienen sind nun viele Formulare, die mit legend und label ausgezeichnet werden.

A propos auszeichnen: Sprachwechsel und Abkürzungen fallen in der gegenwärtigen Version noch unter den Teppich. Das liegt wohl auch daran, dass bislang nur der Bereich von wdr.de auf tabellenloses Layout umgestellt wurde. Damit ist keineswegs die Domain gemeint, sondern eine Rubrik im Portal.

Fazit

Scheinbar weiß man um die Schattenseiten des aktuellen Auftritts. Man möchte aber scheinbar den Weg ins Licht wagen und den ultimativen Test unter Live-Bedingungen. Der neue Anzug sitzt noch nicht richtig und es quietscht und knarrt noch in den Verbindungsstücken. Wichtig für die Macher: die Seite geht in die richtige Richtung. Standardkonformität ist fast schon erreicht. Bei den Farbkontrasten, der Vergrößerung und in anderen Bereichen sollte man vor der finalen Presse-Erklärung aber noch einmal nachbessern. Unter dem Strich bleibt ein positiver Gesamteindruck, vor allem wegen der geübten Zurückhaltung. Fast ein Jahr nach der Verpflichtung sind das durchaus positive Signale.

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