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Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörung

15. Juni 2005

Ich hab's gesehen, aber leider nicht rechtzeitig. Sonst hätte ich es doch angekündigt. So kann ich leider nur davon berichten: Kennen Sie Ranga Yogeshwar? Vielleicht. Kennen Sie Quarks & Co. Sicherlich. Das Wissenschaftsmagazin des WDR-Fernsehens unter der Leitung und Moderation von Ranga Yogeshwar hat gerade sein zehnjähriges Bestehen gefeiert und gehört mittlerweile zum guten Ton im deutschen öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehen.

Gestern widmete sich die Sendung dem Thema Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörung. Unter dem Titel "Wunder Wahrnehmung" entführte das Team rund um Yogeshwar in eine Welt der Sinneswahrnehmungen, Sinnestäuschungen und neuronalen Ausfälle.

Quarks & Co fragt: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Was bedeutet Wahrnehmung, und was ist passiert, wenn durch eine Hirnverletzung plötzlich alles ganz anders aussieht? Wie erleben Blinde die Welt? Warum lässt sich unser Gehirn durch optische Täuschungen austricksen? Die meisten Menschen denken, dass Sehen der wichtigste Sinn überhaupt sei. Aber wie erleben Blinde, die nie gesehen haben, ihr "Bild" von der Welt? Verletzungen oder Krankheiten in einem bestimmten Hirnbereich führen manchmal zu neurologischen Ausfällen, die zeigen, wie fragil unsere Wahrnehmung von der Welt ist. Quarks & Co stellt einige dieser Phänomene vor.

Die meisten Menschen denken beim Thema Sehbehinderung entweder an altersbedingte Ursachen, oder an eine Erkrankung beziehungsweise Verletzung der Sehorgane. Häufig sind Sehstörungen aber auch Folge einer Verletzung des Gehirns, zum Beispiel durch einen Schlaganfall. So müssen vergleichsweise nur winzige Teile unseres Gehirns zerstört werden, damit unsere "Wirklichkeit" eine andere wird. Die "Wirklichkeit" ist ein Produkt unseres Gehirns, unsere Netzhaut nimmt lediglich die Reize auf und leitet diese an unser Gehirn weiter.

Interessant für das Thema Barrierefreies Webdesign: Unsere Netzhaut reagiert nicht immer gleich. Je nachdem welches Bild auf unsere Netzhaut fällt, ist die primäre Sehrinde mehr oder weniger aktiv. Die Neuronen im Sehzentrum feuern bevorzugt, wenn es Kontraste zu sehen gibt, oder eine Kante mit einem Übergang von hell nach dunkel. Eine wissenschaftliche Erkenntnis, die Webdesignern vielleicht hilft. Denn Kontraste sind für die Neuronen im Sehzentrum wichtiger als farbliche Differenzen, Helligkeit oder Bewegung.

Wahrnehmungsstörungen durch neurologische Ausfälle

Beispiel Neglect-Syndrom - oft nach einem Schlaganfall: Ein neuronaler Ausfall, der die von der beschädigten Hirnhälfte gesteuert Körperseite betrifft. Alles, was auf dieser Seite des Raumes geschieht, scheint für Menschen mit Neglect-Syndrom nicht mehr zu existieren - sowohl der eigenen Körper, als auch Gegenstände und Personen. Die Betroffenen selbst wissen nicht, dass sie nur einen Teil der "Wirklichkeit" wahrnehmen können. Meistens ist die Umwelt, die das veränderte Verhalten registriert. Zum Beispiel, wenn die Betroffenen sich nur die eine Hälfte ihres Gesichts rasieren.

Beispiel Balint-Syndrom als Folge eines Schlaganfalls oder einer Hirnblutung: Menschen mit dem seltenen Balint-Syndrom leiden an einer schweren Störung der räumlichen Wahrnehmung. Betroffenen beschreiben die das Abbild ihrer "Wirklichkeit" als mehrfach gebrochen und zersplitter. Die betroffenen Menschen haben zwar eine relativ normale Sehschärfe und intaktes Gesichtsfeld, sind aber dennoch orientierungslos und "blind".

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Die meisten Menschen stellen sich vor, dass uns unser Auge die "Wirklichkeit" als fertiges Bild oder als fertigen Film ans Gehirn ausliefert. Das Gehirn übernimmt dann nur noch eine Art "Abspielfunktion". "Tatsächlich existiert das Bild der Welt, so wie es auf einem Foto zu sehen ist, nur bis auf die Netzhaut. Danach geht es in ein Feuerwerk von elektrischen Impulsen über. Nur diese Nervenimpulse kann das Gehirn verarbeiten." Aus diesen Impulsen, die Informationen über Kontraste, Farben, Helligkeit, Konturen, Dimensionierung, Raum, oder Bewegung enthalten setzt das Gehirn ein Gesamtbild zusammen. Wird nur ein Impuls gestört, kann es zu einem Zerrbild der "Wirklichkeit" kommen.

Fazit:

Selbst wenn man nicht unter einer neurologischen Wahrnehmungsstörung leidet, Wahrnehmung ist relativ. Eine wichtige Erkenntnis für Barrierefreies Internet: Jeder Mensch produziert sein eigenes Abbild der Wirklichkeit. Ganz nach dem Motto: Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Einzelteile, können gute Kontraste, farbliche Differenzierung, ausreichende Helligkeit, Konturen, Dimensionierung, Bewegung, Nachvollziehbarkeit und Bekanntheit der Form nur unterstützen. Eine einzige "Wirklichkeit" bildet das beste Webdesign nie. Barrierefreies Webdesign bietet dagegen jedem die Möglichkeit der Anpassung auf die speziellen persönlichen Bedürfnisse.

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