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Textrundfunk: Rückschritt beim WDR

2. Januar 2006

Gute Zeiten. Schlechte Zeiten. Nicht erst seit dem Start der gleichnamigen Daily-Soap wissen Medienfreunde, dass viele Dinge tagesformabhängig sind. Scheinbar auch die Barrierefreiheit von Websites. Der WDR feiert dieser Tage seinen 50. Geburtstag. Es gibt sogar eine eigene Website zu diesem Anlass.

Und genau da liegt der Hund begraben. Unter www.textrundfunk.de hat der WDR eine Website zum eigenen Geburtstag eingerichtet. Zwar gibt es den WDR erst seit etwa zehn Jahren im Internet, dennoch versetzt man den Besucher der Website in die 50er Jahre, mit Nierentisch, gutgelaunten Hausfrauen und anderen Design-Effekten sowie authentischen Geschichten aus den Jahren 1955 und 1956. Eine nette Idee - wenn sie denn barrierefrei umgesetzt wäre. Denn dazu ist der WDR per Gesetz verpflichtet.

Willkommen in der Steinzeit 

Die Idee hinter der Website ist toll: Den Benutzer visuell und textlich in eine Zeit versetzen, die schon 50 Jahre zurückliegt. Gelungen auch die Tondokumentationen aus den ersten Tagen des Textrundfunks. Leider wird dabei auch technisch auf Konstrukte zurückgegriffen, die nicht mehr ganz aktuell sind: Layout-Tabellen mit fixen Breiten, Platzhalter-Bilder und vieles mehr. Da wundert es nicht, dass die Barrierefreiheit auf der Strecke bleibt.

Halbherzig 

Vor etwas mehr als einem Jahr berichteten wir, dass der WDR einen Relaunch vollzogen hat. Weite Teile der Website präsentieren sich seither mit verbesserter Zugänglichkeit. Darauf ist man beim WDR auch sehr stolz, wie man auf der Hilfe-Seite des WDR lesen kann. Warum aber nun dieser doppelte Salto rückwärts mit der Jubiläums-Website? Und warum wird eine neue Internetpräsenz, wie die des Textrundfunks, nicht entsprechend der gesetzlichen Richtlinien erstellt?

Möglich, dass der WDR keine zentrale Anlaufstelle für Barrierefreiheit hat. Möglich auch, dass verschiedene Ressorts mit unterschiedlichen Ansichten an dieses Thema herangehen. Eine Entschuldigung für derartige Pannen ist das sicherlich nicht. Und über mangelnde Kompetenz in Sachen Barrierefreiheit kann man sich angesichts zahlreicher BIENE-Gewinner in NRW auch nicht beschweren.

Schauen und Staunen 

Das vom WDR gewählte Layout hätte man mit Leichtigkeit ohne Layout-Tabellen umsetzen können. Die Schriftgrafiken in der Navigation und zum Teil im restlichen Layout könnte man beispielsweise mit Bildersatz-Techniken realisieren. Dann könnte man sie bei Bedarf wenigstens ausblenden oder für Menschen mit Leseproblemen oder all jene, die auf starke Vergrößerung angewiesen sind, eine lesbare Alternative ohne Stylesheets schaffen - denn die schnörkelige Schriftart ist nicht gut lesbar. Da helfen auch die guten Alternativtexte für Bilder nicht, nimmt man einmal die Kopfzeilen-Grafik aus dieser Betrachtung heraus.

Mit der Tastatur durch die Seite? Schwierig. Man sieht keinen Fokus, kann sich schwer orientieren. Das Tabellen-Layout tut sein Übriges. Unangekündigte Pop-Ups und neue Fenster nerven den Benutzer zum Teil, wenigstens funktioniert die Website auch bei deaktiviertem JavaScript.

Zeitgemäß? 

Wenn man es positiv formulieren will, kann man sagen, dass die Website "zeitgemäß" für die 50er Jahre ist und man auf subtile Art und Weise vermitteln möchte, wie jung das Thema Barrierefreiheit noch ist. Faktisch gab es in den 50er Jahren noch keine Barrierefreiheit im heutigen Sinn - aber das Internet gab es auch noch nicht.

Es bleibt also dabei: Warum ist diese virtuelle Zeitreise des WDR nicht barrierefrei? Warum entführt man den Benutzer nicht in eine bessere Vergangenheit? Und warum lernt man nicht aus den Fehlern von damals, als Layout-Tabellen und Browser-Kriege noch das Weltbild prägten?

Nach "Du bist Deutschland" ist dies nun bereits der zweite mediale Flop, über den wir innerhalb kürzester Zeit berichten müssen. Wir hatten uns den Start ins neue Jahr eigentlich etwas positiver vorgestellt, vielleicht ist es aber auch ein Fingerzeig in die richtige Richtung: Barrierefreiheit ist ein Prozess, der sich leider noch nicht allerorten durchgesetzt hat. Schade.

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