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Schnelltest Barrierefreiheit von PDF-Dokumenten

30. Januar 2020

Wie erkennt man, ob ein PDF-Dokument barrierefrei ist? Wie kann man es prüfen? Gibt es einen Schnelltest? Ist der PDF-UA Standard ein ausreichendes Merkmal und als Schnelltest ausreichend? Fragen über Fragen. Die Agentur anatom5 ist auf Barrierefreiheit von PDF-Dokumenten (und digitale Barrierefreiheit allgemein) spezialisiert. Gerne möchten wir daher zur Aufklärung beitragen.

Der Experte erkennt eigentlich auf einen Blick, ob ein PDF Dokument die Grundanforderungen für ein barrierefreies PDF erfüllt. Aber auch der Experte muss immer auch nochmal genauer hinschauen – gerade, wenn Dokumente auf den ersten Blick einen guten Eindruck machen. Trotzdem kann man mit einem erweiterten Schnelltest de facto jedes PDF Dokument in Bezug auf Barrierefreiheit bewerten. Die durchschnittliche Prüfdauer von Einzeldokumenten lässt sich relativ einfach beziffern. Zumindest grob.

Prüftools für einen Test auf (PDF-)Barrierefreiheit?

Für Dokumente PDF (aber auch MS Word) gibt es durchaus Prüftools, mit denen man zumindest Teile der Barrierefreiheit überprüfen kann. Diese maschinell prüfbaren Aspekte sind weitgehend deckungsgleich mit den Vorgaben, die sich aus dem PDF-UA Standard ergeben. Ein gutes Prüftool dafür wäre der kostenlose PDF Accessibility Checker (PAC) in der jeweils aktuellsten Version, derzeit Version 3.0.

PAC-Tests, PDF-UA und Barrierefreiheit nach BITV

Die Ergebnisse des PAC-Tests sind mit Vorsicht zu genießen, denn letztendlich prüft dieses Tool nur auf PDF-UA Standard und nicht auf Barrierefreiheit entsprechend der gesetzlichen Richtlinien, also der EN 301549 in Europa und der BITV in Deutschland. Das wird leider oft falsch suggeriert. PDF-UA konform ist nicht gleichzusetzen mit barrierefrei oder BITV konform. Das ist ganz wichtig, ansonsten laufen Sie in ein offenes Messer – auch wenn Ihnen manche Experten etwas anderes erzählen wollen. Die BITV bezieht sich auf die EN 301549. Diese referenziert die WCAG. PDF-UA wird nirgends erwähnt. Auch wenn der PDF-UA Standard richtig und wichtig ist. Er bezieht sich nur auf Teilaspekte der gesetzlich geforderten Barrierefreiheit.

Grenzen von PDF-UA und automatisierten Tests

Der PDF-UA Standard beinhaltet zum Beispiel keine Routine zur Überprüfung von Farbkontrasten oder der Auszeichnung von fremdsprachigen Textpassagen, was schon zeigt, dass dieses Tool zur Überprüfung der EU-Richlinie 2102 (bzw. der EN 301549 und der BITV Konformität) nicht ausreichend sein kann. Wenn Ihnen also jemand sagt, dass die PDF-Datei barrierefrei ist, weil sie ja PDF-UA konform ist, dann sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten. Neben einer maschinellen Überprüfung braucht es also auch eine manuelle Prüfung der Prüfschritte, die sich aus Matterhornprotokoll, EN 301549 und oder WCAG 2.1 zusätzlich ergeben. Einige Aspekte können dann nur noch von Experten getestet werden. Aber einen grundsätzlichen Eindruck sollten Sie mit einem Schnelltest hinbekommen.

Zusätzliche Tests – wie barrierefrei ist mein PDF wirklich?

Zusätzliche Testmöglichkeiten, mit dem sogenannten VIP-Reader (Vision Impaired People Reader) und der frei verfügbaren Screenreader Software NVDA verschaffen mehr Sicherheit über das Test-Ergebnis, welches die automatisierte Prüfung mit dem PAC-Test bereits geliefert hat. Nur so lassen sich wirklich die Anforderungen aus der EN 301549 Kapitel Non-Web Dokuments sicher prüfen. Prüfen Sie auf jeden Fall die Überschriftenstuktur und ob Listen und Absätze korrekt getaggt sind. Prüfen Sie auch, ob alle informationstragenden Bilder noch vorhanden sind und einen sinnvollen Alternativtext aufweisen. Denn PAC kann die Sinnhaftigkeit einer Tag-Struktur nicht prüfen. Gleiches gilt, zum Beispiel Bilder zu Unrecht als Artifacts vor Screenreadern versteckt wurden.

Umfließen-Modus – Test im Adobe Reader

Über den sogenannten Umfließen-Modus streiten die Experten seit Jahren. Obwohl das Erfolgskriterium 1.4.10 Reflow (Stufe AA) der WCAG auch für PDF gilt. Mit diesem Erfolgskriterium sollen insbesondere Menschen mit einer Sehbehinderung unterstützt werden, damit sie Text vergrößern und in einer einzigen Spalte darstellen und lesen können. Genau das macht der Umfließen-Modus – allerdings nicht in jedem PDF-Reader, sondern beispielsweise im Adobe Reader. Aber mal ehrlich, wie viele alternative PDF-Reader kennen Sie. Hand aufs Herz, vermutlich keinen. Der Adobe Reader ist nun mal seit jeher der Platzhirsch. Vor allem PDF-UA Evangelisten, die nichts anderes als PDF-UA gelten lassen wollen, sprechen jedoch oft, öffentlich und vehement dem Umfließen-Modus jegliche Existenzberechtigung ab. Und das, obwohl er auch oft in Ausschreibungen explizit gefordert wird. Auch hier können Sie schnell in ein offenes Messer laufen, wenn Kunden Nachbesserung verlangen und auf den Umfließen-Modus pochen. Denn in der für Barrierefreiheit gültigen EN 301549 wird im Kapitel 10.1.4.10 unter der Überschrift Reflow (was übersetzt Umfließen bedeutet) das Umfließen gefordert. Wenn Sie diesen ebenfalls unterstützen müssen, wovon ich ausgehe, muss dieser ebenfalls durch Sichtprüfung kontrolliert werden. Wählen Sie dazu in Ihrem Adobe Reader „Anzeige“ > „Zoom“ > „Umfließen“ und kontrollieren Sie diese Ansicht genau. Hier trennt sich in der Regel die Spreu vom Weizen.

Fazit: Schnelltest von PDF-Dateien auf Barrierefreiheit

Grundsätzlich lässt sich bei jedem Dokument relativ schnell feststellen, ob es weitestgehend den Anforderungen aus EN 301549 entspricht. Das ist mit einer Kombination aus automatisierten Tests (zum Beispiel PAC) und manueller Sichtprüfung (VIP-Reader) in Verbindung mit stichprobenartigen Screenreader-Tests (zum Beispiel auch für Sprachwechsel) für jedes Dokument aus meiner Sicht innerhalb von eine halbe Stunde machbar. Wenn man dann noch eine halbe Stunde für eine schlichte Dokumentation der „Findings“ einkalkuliert ist man auf der sicheren Seite. Testen Sie PDF-Dateien immer auf Barrierefreiheit (gerne auch die aus unserem Haus). Sie werden leider negativ überrascht sein, wie oft PDF-UA konforme Dokumente noch massive Probleme aufweisen.

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