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PDF-UA ist kein Standard für Barrierefreiheit

20. Februar 2020

Unter der Überschrift „PDF Universal Accessibility“ habe ich mich in einem Artikel für das Fachmagazin Screenguide bereits 2017 über das große Missverständnis in Bezug auf PDF-UA und Barrierefreiheit nach gesetzlichen Vorgaben der BITV befasst. Und auch heute gilt mehr denn je, wer sich mit barrierefreien PDF beschäftigt, kommt nicht umhin, sich mit weiteren Techniken, Richtlinien und Standards zu befassen. Ich möchte an dieser Stelle noch mal darauf hinweisen, dass der PDF-UA Standard alleine kein barrierefreies PDF entsprechend der BITV liefern kann.

Was ist der PDF-UA Standard?

Der PDF-UA Standard richtet sich in erster Linie an Software-Hersteller, um die Autorensoftware (Adobe Indesign, Adobe LiveCycle Designer, MS Word, OpenOffice, LibreOffice und dergleichen mehr) für die Erstellung von barrierefreien PDF-Dokumenten zu verbessern und so von vorneherein zugänglichere PDF-Dokumente zu ermöglichen. PDF-UA soll einen einheitlichen Standard schaffen, damit PDF-Dokumente auch von assistiven Technologien, wie Screenreadern, Spracheingabe und Sprachsteuerung sowie Vergrößerungssystemen, Joysticks und anderen alternativen Techniken, einheitlich interpretiert werden können. PDF-UA definiert also auch die Regeln, nach denen assistive Technologien oder auch PDF-Reader PDF-Dokumente verarbeiten sollen. Denn auch dafür braucht es internationale Standards. Der PDF-UA Standard ist also kein Ersatz für gesetzliche Vorgaben, die sich aus der EU-Richtlinie 2102, der Europäischen Norm EN 301549 oder eben der BITV ergeben. Und der PDF-UA Standard ist auch kein Ersatz die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines). Auch wenn es PDF-UA Standard Evangelisten gibt, die anderes behaupten, PDF-UA an sich ist kein Standard für Barrierefreiheit.

Duff Johnson – Executive Director der PDF Association – sagt dazu:

„PDF/UA was not designed to replace or substitute for WCAG 2.0. As stated in the Introduction to ISO 14289: PDF/UA is intended as a companion standard, to be used in conjunction with […] other standards as may apply for the purpose of achieving accessibility.”

Universal Accessibility – aber nicht mit PDF-UA alleine

Die Hauptkritik am PDF-UA Standard und damit auch an Prüftools, die nur auf PDF-UA Konformität testen, wie beispielsweise der PDF Accessibility Checker (PAC) ist, dass damit nur auf formale Einhaltung eines Dokumenten-Standards geprüft werden kann. Auch wenn mithilfe des PDF-UA Standards viele Hinweise auf Barrieren erfolgen und Fehler aufgedeckt werden können (u.a. nicht getaggter Inhalt, fehlende Alternativtexte, fehlerhafte Daten-Tabellen, nicht definierte Dokumentensprache, falsche Überschriftenstruktur, fehlende Metadaten, etc.), so bleibt die automatisierte Prüfung am Ende doch immer beschränkt. Auf inhaltlicher Ebene lassen sich Probleme oder Fehler damit gar nicht oder kaum aufdecken. Dazu zählen beispielsweise fehlende Auszeichnung von Abkürzungen oder Sprachwechsel auf Wort- und Absatzebene, schlechte oder falsche Alternativtexte, fehlerhaft getaggte Inhalte (z. B. wenn wichtige Inhalte für Screenreader und im Umfließen-Modus unsichtbar sind) und dergleichen mehr. Auch die Nutzung von Layout-Tabellen lässt sich nur manuell überprüfen. Mathematische Formeln machen ebenfalls Probleme. Auch semantische Fehler können PAC und PDF/UA nicht automatisch testen. Wenn beispielsweise Listen nur als Absatz getaggt werden, dann können Sie das nur durch manuelle Überprüfung herausfinden. Und auch wenn die Überschriftenstruktur fehlerhaft oder nur teilweise korrekt ausgezeichnet wurde, fällt das nur einem menschlichen Prüfer auf. PAC kann das nicht prüfen.

PDF-UA ist nur ein Industriestandard

PDF-Dokumente können also auf der einen Seite PDF-UA konform sein (zum Beispiel den PAC-Test schaffen) und gleichzeitig vollkommen unzugänglich sein. PDF-UA konform mit Barrierefreiheit gleichzusetzen ist schlichtweg falsch. Die PDF-UA ergänzen die offiziellen Richtlinien der WCAG und der EN-301549 – und ohne Expertenwissen und manuelle Qualitätssicherung geht es nicht. PDF-UA ist nur ein Industriestandard. Verglichen mit dem DIN-Format für Papier könnte man sagen, DIN A4 Papier passt in jeden Drucker und in jeden DIN-Briefumschlag, aber ob auf dem Papier etwas drauf steht oder mit schwarzer Tinte auf schwarzes DIN A4 Papier gedruckt wurde, ist dem Standard egal. Würde man deshalb behaupten, dass eine DIN A4 Broschüre barrierefreier ist, als eine Broschüre in einem frei gewählten Format? Natürlich nicht. Und so verhält es sich auch mit dem PDF-UA Standard. PDF-UA soll einfach einen einheitlichen Standard für Soft- und Hardware-Hersteller schaffen. Mehr nicht. Nochmal ein paar Beispiele, damit Sie sehen, dass eine falsche Sichtweise auf diesen Standard fatale Folgen haben kann. Es gibt nämlich einfach ein paar Anforderungen, die nicht automatisiert getestet werden und auch bei einem PDF-UA konformen PDF nur durch manuelle Überprüfung herausgefunden werden können:

  • Farbkontraste (Texte aber auch funktionale Grafiken)
  • Auszeichnung von Sprachwechseln (wenn im Text beispielsweise plötzlich französische Zitate auftauchen)
  • Vollständigkeit (sind wirklich alle Inhalte mit sinnvollen Tags versehen und nicht teilweise als Artifacts im Hintergrund und unsichtbar?)
  • Sinnhaftigkeit von Tags (PAC ist es egal, wenn eine Liste oder Überschrift als Absatz getaggt ist. PDF-UA Standard sieht nur die korrekte Verschachtelung)
  • Sinnvolle Dokumententitel
  • Sinnvolle Alternativtexte (zum Beispiel bei komplexen Schaudiagrammen)
  • Texthervorhebungen (z. B. wenn nur farblich oder typografisch gekennzeichnete Warnungen oder Hinweise nicht zusätzlich maschinenlesbar gekennzeichnet sind) Das betrifft auch typische Infoboxen in Textdokumenten, die oftmals keine Überschrift haben und einfach nur als Absatz mit kleiner Einrückung undfarblicher Hinterlegung als solche kenntlich gemacht werden. Solche Infoboxen zerstören erfahrungsgemäß jeden Lesefluss und machen das Verständnis von Texten für blinde Nutzer teilweise extrem schwierig. Dafür gibt es in PDF-UA Standard keine Richtlinie. In den WCAG 2.1 bzw. in der EN 301549 schon.
  • Stichwort Umfließen-Modus: lässt sich maschinell überhaupt nicht prüfen. Ist dem PDF-UA Standard auch egal. Gilt auch für den PAC Test. Allerdings gibt es wie gesagt in der EN 301549 diverse Kapitel, die sich de facto konkret auf diesen Modus beziehen. Darunter der bereits genannte 10.1.4.10 Reflow (Umfließen) und auch 10.1.4.4 Resize Text (Text Zoom)
  • Tastaturbedienbarkeit und Überspringend von Inhaltsgruppen (Lesezeichen aus Überschriften und verlinktes Table of Content (Inhalt Verzeichnis)) – auch das ist dem PDF-UA Standard egal. Es handelt sich aber um ganz konkrete Anforderungen, die sich aus der EN 301549 ableiten

Fazit: PDF-UA = Industriestandard. EN301549 = Barrierefreiheit

Wie gesagt, PDF-UA ist kein international anerkannter Standard für Barrierefreiheit. Ich erwähne das an der Stelle nur noch mal so ausdrücklich, weil es in Deutschland starke Multiplikatoren – wie den Fachbuchautor Klaas Posselt – gibt, die etwas anderes suggerieren. Aber gerade für Agenturen, die aufgrund der gesetzlichen Anforderungen, barrierefreie PDF-Dokumente für Behörden liefern müssen, spielt die korrekte Einordnung des PDF-UA Standards eine große Rolle. Wir als Agentur anatom5 unterstützen und nutzen diesen Standard auch. Er ist wichtig. Aber de facto nur für die Bereiche, die sich eben maschinell 100-prozentig sicher testen lassen. PDF-UA ist ein Industriestandard, wie das DIN-Format für Papier, aber keine gesetzlich verbindliche Norm, wie die EN 301549. Dort wird der PDF-UA Standard übrigens mit keinem Wort erwähnt. Auch nicht in der BITV.

Der PDF-UA Standard ist vor allem für den Workflow zur Herstellung getaggter Dokumente aus diversen Programmen, wie Adobe Indesign oder Microsoft Word von Bedeutung. In Bezug auf Barrierefreiheit müssen Sie sich aber zwingend mit Normen, wie der EN 301549 und Richtlinien, die den WCAG for PDF auseinandersetzen. Ansonsten fallen Ihnen Ihre PDF-UA konformen Dokumente ganz schnell auf die Füße.

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