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Kommunen im Visier der CMS-Anbieter

9. März 2005

Zur CeBIT kocht die IT-Küche und jeder Küchenmeister stellt noch schnell die Tageskarte zusammen und schreibt in Schönschrift auf, was in der aktuellen Saison besonders schmackhaft ist. Natürlich kann man sich der erstbesten Versuchung hingeben und konsumieren, was immer des Weges kommt. Oder man informiert sich auf allen Speiseplänen, zieht Parallelen und vergleicht die Angebote. Wir haben für Sie einmal in die Content Management Küchen der Republik geschaut und sagen Ihnen, wo es schmackhaft werden könnte.

In jedem Fall scheint es in diesem Jahr so zu sein, dass sich Hersteller von Content Management Systemen unterschiedlichster Art den Begriff Barrierefreiheit auf die Verkaufsbroschüren geschrieben haben. Aber nicht im Sinne der ATAG, was sicherlich ein sehr wirksames und zur Zeit auch einzigartiges Verkaufsargument wäre, sondern man wirbt schlichtweg damit, dass die Systeme den Zustand der Barrierefreiheit herstellen.

Kommunen im Visir 

Dabei sind vor allem kommunale Portale ins Visir der CMS-Anbieter gerückt. Dort, wo Typo3 und Mambo die Fahne der Open Source Systeme hochhalten und nebenbei auch völlig überdimensioniert sind, entwickelt sich gerade eine heiße Marketing-Schlacht mit dem Verkaufsargument Barrierefreiheit. Gerade erst wieder konnten wir zwei Pressemitteilungen in Augenschein nehmen, bei denen es um dieses Thema geht. Etwas älter ist eine Meldung von webEdition. Allen dreien sind wir auf den Grund gegangen, da alle drei Systeme in etwa die gleiche Zielgruppe im Visir haben und besonders lautstark Barrierefreiheit proklamieren.

Näher angesehen haben wir uns die kommerziellen Content Management Systeme webEdition, FIRSTspirit und Weblication. Alternativ hätten wir auch noch contentXXL ins Auge fassen können, doch leider rückte dieses CMS zu spät in unseren Fokus. Die gleichen Zielgruppen und ähnliche Aussagen verbinden alle vorgestellten Systeme miteinander. Immer gerne genommen sind Aussagen wie diese von FIRSTspirit vom 28.02.2005:

Mit dem Inkrafttreten der BITV in diesem Jahr werden die deutschen Bundesbehörden jetzt rechtsverbindlich zur Anpassung ihrer Webangebote verpflichtet. Darüber hinaus haben viele Kommunen und Städte entsprechende freiwillige Projekte gestartet. 

Derartige Aussagen lassen auf groben Unfug vermuten, denn die BITV nähert sich dem zarten Alter von drei Jahren und erreicht gegen Jahresende für Bundesbehörden die finale Stufe für die Umsetzung der Priorität I. Sicherlich meinte man auch genau das. Uns interessiert ohnehin nicht das Marketing-Gebrüll, sondern das, was man Kommunen, Städten, Vereinen und Firmen in Bezug auf Barrierefreiheit leistungsmäßig entgegenbringt.

Die Geister, die ich rief: FIRSTspirit 

Ein sehr mächtiges Werkzeug bekommt man mit FIRSTspirit an die Hand. Dazu gehören unter anderem Module für die Anbindung an SAP. Insofern trifft hier das zu, was auch für contentXXL von portamundi gilt: Es handelt sich um ein Content Management Framework, also eine Leistungsklasse über normalen Content Management Systemen. Einzig die Lautstärke, mit der man Barrierefreiheit kommuniziert, scheint uns ein wenig zu hoch zu sein:

Durch die im System verankerte Trennung von Inhalten, Navigation, Struktur und Design ist es möglich, selbst komplexe Seiten nach den Richtlinien von WCAG1/ATAG1 und BITV zu generieren. Bei der Content-Pflege im laufenden Betrieb garantiert FIRSTspirit eine im Hintergrund ablaufende Umsetzung der entsprechenden Richtlinien. 

In der Praxis sieht man hiervon bisher wenig, schon gar keine Referenzen. ATAG: Fehlanzeige. WCAG: Fehlanzeige. Da können auch die zahlreichen Features nichts mehr machen. Wenn es um Barrierefreiheit geht, ist FIRSTspirit nicht die erste Wahl. Weitere traurige Details ersparen wir Ihnen und uns an dieser Stelle, denn mehr als heiße Luft durfte man angesichts derartiger Pressemeldungen auch nicht erwarten.

Weit verteilt: Weblication CMS 

Auch hier spezialisiert man sich auf Kommunen, wie uns schon am Produktnamen Weblication CityWeb deutlich wird. Und auch hier nimmt man eine Menge Marketing-Vokabeln in den Mund und verspricht:

professionelle eGovernment Lösungen für Städte, Gemeinden und Kreise in Internet und Intranet [... und den] Aufbau barrierefreier, nutzbringender Bürgerportale 

Das wollten wir uns genauer ansehen. Ein Blick in die Referenzen zeigt, dass man zahlreiche Städte und Gemeinden als Kunden gewinnen konnte. Doch nicht nur auf kommunaler Ebene ist man erfolgreich in der Kundenakquisition, auch auf Bundesebene funktioniert das scheinbar recht gut. Das Bundeskartellamt, gerade erst mit Weblication CMS relauncht, hat uns in diesem Zusammenhang besonders interessiert, denn als unmittelbare Körperschaft des Bundes muss man hier von einer BITV-Konformität ausgehen dürfen. Mitnichten! Layout-Tabellen mit absoluten Breiten, fehlende Alternativ-Texte für Bilder und Grafiken, unangekündigte neue Fenster und über 80 Validierungs-Fehler im HTML sprechen eine deutliche Sprache in unserem Barriere-Check.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich an der zuvor erwähnten Pressemitteilung zum Relaunch des barrierefreien Stadtportals der Stadt Lichtenau in Baden erfreuen. Hier preist man Details, die in der Accessibility-Szene derzeit eher als kontraproduktiv angesehen werden. Die Rede ist von Tastaturkürzeln, sogenannten Accesskeys, die Besuchern und Besucherinnen mit Sehbehinderungen die Navigation innerhalb der neuen Website erleichtern. Auch hier die gleichen Anmerkungen wie oben, halt eben keine Barrierefreiheit in der Praxis, dafür aber in der PR-Abteilung. Nicht Erzähltes reicht, Erreichtes zählt.

Eigeninitiative: webEdition 

Die bisherigen Content Management Systeme haben uns nicht überzeugt. Verständlich also, wenn wir uns auch im Falle von webEdition nicht von markigen Werbesprüchen beeindrucken lassen, denn auch hier wird Barrierefreiheit groß auf die Fahnen geschrieben:

Nach dem im Juni 2004 durchgeführten Roundtable zum Thema Barrierefreiheit ist es nun endlich soweit: die webEdition Software GmbH präsentiert eine neue Version ihres gleichnamigen Content Management Systems. Schwerpunkt der Verbesserungen für Version 3.2 lag auf der vereinfachten Erstellung barrierefreier Inhalte. 

Das klingt schon anders, irgendwie subtiler. Vielleicht aber auch einfach nur eine andere Ansprache. Sehen wir also auch hier genauer hin. Im Forum zu webEdition gibt es eine eigene Rubrik Barrierefreiheit. Dort findet man Referenzen, die große Hoffnungen wecken. Unter anderem auch den Gewinner der Bronze-BIENE für E-Government von 2004 "SGB IX umsetzen" oder auch die Internetpräsentz von BIK-Online. Beiden darf man eine weitreichende Barrierefreiheit attestieren, wofür vor allem die Trennung von Inhalt und Gestaltung sprechen, aber auch die Validität des Quellcodes oder die Auszeichnung von Grafiken und Bildern mit Alternativtexten.

Als einziges Content Management System in diesem Vergleich gibt es hier auch eine frei verfügbare Online-Demo, die weitestgehend selbsterklärend ist, sich sehr aufgeräumt präsentiert und den Autor bei der Erstellung barrierefreier Inhalte in vielen Punkten unterstützt. Selbst die Entwickler von HTML-Vorlagen dürfen sich freuen, denn das Erstellen von Templates ist im Vergleich zu anderen Systemen sehr komfortabel und flexibel und beinahe selbsterklärend.

Ansgesichts der Top-Referenzen in Punkto Barrierefreiheit und des erschwinglichen Preises fragen wir uns, warum webEdition nicht aggressiver für Barrierefreiheit wirbt. Sitzt hier noch der Schock über nicht barrierefreie Nur-Text-Versionen vom letzten Jahr so tief? Angenehm ist es in jedem Fall, ein System anzutreffen, mit dem sich Barrierefreiheit für Städte, Gemeinden, Verwaltungen, Firmen, Vereine und viele andere Interessensgruppen realisieren lässt, ohne dass hierzu komplexe und kostspielige Anpassungen notwendig sind.

Fazit 

Die Küchenmeister im Lande der Content Management Systeme haben beileibe keinen Einheitsbrei produziert, dafür aber einige Zutaten verwechselt. Insbesondere FIRSTspirit hat sich hier als Buzzword-Jongleur profilieren wollen, leider aber zu durchsichtig agiert. Mit ganz anderen Bandagen kämpft man bei Scholl Communications und dem eigenen Weblication CMS. Dort wird Barrierefreiheit mit Screenreader-Tauglichkeit verwechselt, dafür aber die Werbetrommel im ganz großen Stil betätigt. Einzig webEdition kann in vielen Punkten überzeugen, wenngleich man auch hier noch das ein oder andere Aber einfügen kann und muss. Immerhin ist es ein ernstgemeinter Anfang und ein BIENE-Gewinner fällt nunmal nicht vom Himmel - das können Sie uns glauben.

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