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Im Test: Bahn-BKK und diabetes-world.net

16. Dezember 2004

Es ist ein Elefanten-Gipfel, der sich heute im Barrierekompass-Testlabor anbahnt: Da trifft eine von Deutschlands größten Betriebskrankenkassen auf das größte deutsche Diabetes-Portal und beide sonnen sich in einem Platz an der barrierefreien Wintersonne. Zumindest reklamieren beide lautstark Barrierefreiheit für die eigenen Seiten. Schauen wir mal, ob die Sonnenstrahlen nur die Oberfläche bestrahlen, oder ob sie auch das Herz erwärmen.

Betriebsblind? diabetes-world.net

Schon der erste Klick auf die Diabetes-Seite offenbart: hier wurde in der Pressemitteilung deutlich mehr versprochen, als man am Ende erwarten darf. Zwei halbherzige Links auf Nur-Text-Versionen und Tabellen-Layouts, wohin das Tester-Auge reicht. Eine kurze Simulation der Startseite mit dem Firefox-Plugin Fangs reicht, um einen groben Überblick über das zu erwartende Ausmaß des PR-Gaus zu erhalten. Und das, wo die Pressemeldung von dieabetes-world.net selbst folgendes zu berichten weiß:

Mehr als 650.000 Blinde oder hochgradig sehbehinderte Menschen leben in Deutschland. Viele davon sind in Folge ihres Diabetes erblindet. Für sie - wie für zahlreiche andere blinde Menschen - ist das Internet durch den Einsatz bestimmter Hilfsmittel längst zu einem "Tor zur Welt" avanciert.

Schade nur, wenn das Tor verschlossen ist oder sich nicht richtig öffnet, wenn Suchende daran klopfen. Der Link zum blindengerechten Bereich, wie die Nur-Text-Version in bester Marketing-Manier genannt wird, ist in den Unterseiten mitunter erst an dreißigster Stelle oder sogar noch tiefer im Inhalt verborgen. Der Link zur blindengerechten Version ist selbst für sehende Menschen schwer auffindbar und für Menschen ohne visuelle Orientierung im Prinzip nicht auffindbar, zumal, da er je nach Seite an unterschiedlichen Positionen zu finden oder eben nicht zu finden ist. Insgesamt ärgerlich. Vielleicht sieht es bei der Bahn mit Versprechungen ja besser aus.

Die Bahn-BKK kommt

Und zwar mit einem schicken Layout. Auch wenn es anders aussieht: Vor dem geistigen Auge erscheint die von uns gelobte Website des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen. Vielleicht dürfen wir ja ein ähnlich löbliches Urteil für die Bahn-BKK fällen. Damit könnte die Bahn zumindest die Scharte auswetzen, die wir im Artikel "Bahn, Behinderung und Börsengang" vor einigen Monaten zu bemängeln hatten.

Probleme mit validem Code

Dieses Kapitel eint beide Internetauftritte. Ungültiger HTML-Code, wobei beide auf dem HTML 4.01 Transitional Standard aufsetzen also ohne allzu strenge Regeln auskommen müssen. Das gleiche negative Bild offenbart sich im Zusammenhang mit der Überprüfung der Cascading Stylesheets. Auch hier können beide Auftritte nicht überzeugen. Nachsitzen für die beiden Branchengrößen ist also angesagt. Vor allem bei diabetes-world.net, wo der Quelltext mit einer Wiederholung von <head></head> und einem Meta-Tag endet.

Mit und ohne Details

Für das Diabetes-Portal ersparen wir uns und Ihnen weitere Details. Zu lang ist die Liste der Mängel: JavaScript, fixe Schriftgrößen, Inline-Styles, Tabellen, Nur-Text-Version, unübersichtlich, kontrastarm, nicht ausgezeichnete Formulare und viele weitere Barrieren. Kurzum: eine Marketing-Blase, die beim ersten Ansehen zerplatzt.

Bei der Bahn lohnt ein zweiter Blick indes sehr wohl. Trennung von Inhalt und Verpackung mit Hilfe von CSS, auch wenn letzteres noch nicht ganz valide ist. Dafür aber eine ansprechende Druckversion, ein sonst häufig von uns kritisierter Punkt, den wir im übrigen auch in unserem Barriere-Check Pro® immer wieder überprüfen. Auf diese Weise können sich Besucher die gewünschten Informationen ausdrucken, ganz ohne Navigation und die Inhalte später im individuellen Tempo und ohne Kostendruck lesen.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Formulare ohne Label-Elemente zeugen von allzu sorglosem Umgang mit der BITV, die ja auf gesetzliche Krankenkassen anwendbar ist. Gleiche Link-Texte für verschiedene Ziele gehören in die selbe Kategorie und erschweren die Orientierung innerhalb der Seite. Negativ auch die Verwendung von Großbuchstaben in der Navigation - das kann man mit CSS auch sauberer und für Screenreader besser zugänglich lösen. Nervig auch die starke Verschachtelung der Seite mit Hilfe von <div>-Elementen - das kann man auch schlanker gestalten. Die Redundanz bei den Sprungmarken zum Anfang des Quellcodes fällt hingegen in die Kategorie Schönheitsfehler. Abkürzungen und Sprachwechsel werden leider nicht ausgezeichnet - dafür bietet man jedoch eine Tastatur-Belegung an und erklärt diese sogar auf einer Hilfe-Seite.

Ganz dunkel wird es leider, wenn man 4er-Browser auf die Reise schickt. Dann zerbröselt es das sonst so skalierbare Layout der Seiten auf ein unleserlichtes Maß. Dabei wäre ein Herausfiltern dieser alten Browser-Generation schnell und einfach realisierbar. Auch hier gilt: nachsitzen.

Fazit

Wo Elefanten aufeinandertreffen, da darf man neben lautem Trompeten sicherlich auch das ein oder andere Aha-Erlebnis erwarten. Ein durchweg negatives Erlebnis in Punkto Barrierefreiheit ist die Diabetes-Seite. Marketing-Gebrüll dieser Art braucht niemand, am wenigsten die Benutzergruppe, an die sich das neu gestaltete Angebot richtet. Besser, aber immer noch nicht gut, präsentiert sich die Bahn-BKK. Hier ist man dafür aber auf dem richtigen Weg. Zumindest ist die Bahn-BKK das bisher beste Beispiel für Barrierefreiheit, das uns von der Deutschen Bahn offeriert wird. Erwärmt hat uns bei diesem Test lediglich die Tatsache, dass bei der Bahn-BKK nicht alles falsch gemacht wurde. Ein Umstand, der auf die Seiten von diabetes-world.net so nicht zutrifft. Hier besteht akuter Handlungsbedarf.

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