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Gendergerechte Sprache und Barrierefreiheit

15. November 2019

Wer sich intensiv mit dem Thema Barrierefreiheit in digitalen Medien auseinandersetzt, stößt irgendwann zwangsläufig auf die Frage, wie denn mit gendergerechter Sprache umzugehen ist. Denn dass alle Varianten des Genderns die Lesbarkeit von Texten verschlechtert, ist glaube ich unbestritten.

Korrekte Schreibweise gendergerechter Sprache

Die Themen Barrierefreiheit und Gendergerechte Sprache sind tatsächlich kompliziert und schwer zu vereinbaren. Zum einen gibt es noch nicht die eine vorgeschriebene, korrekte Schreibweise, wie Gendergerechte Sprache auszuzeichnen ist. Im Zweifelsfall wird das irgendwann mal vom Rat für deutsche Rechtschreibung festlegt. Doch aktuell gibt es in gendergerechten Texten noch einen ziemlichen Wildwuchs. Daraus enstehen entsprechende Probleme, die je nach Variante unterschiedlich sein können. Zum Beispiel auch für Menschen mit Autismus-Sysndrom, einer Gruppe, an die man nicht sofort denkt.

Gendergerecht in einfacher und leichter Sprache?

Vom allgemeinen Trend zu gendergerechter Sprache sind aber natürlich auch Menschen betroffen, die eine Vorlese-Software verwenden, also blinde und sehr stark sehbehinderte Menschen. Aber auch Menschen, die auf leichte oder einfache Sprache angewiesen sind profitieren nicht gerade von gendergerechter Sprache. Denn grundsätzlich sollten Regeln für gendergerechte Sprache ja immer anwendbar sein. Also beispielsweise auch, wenn Texte in einfacher oder sogar leichter Sprache geschrieben werden. Bei Texten in Leichter Sprache ist eine gendergerechte Auszeichnung eigentlich kaum vorstellbar.

Gendergerechte Sprache in Braille auf Papier

Wie gesagt, noch gibt es nicht die eine vorgeschriebene, korrekte Schreibweise für gendergerechte Sprache. Man muss aber für die Zukunft bedenken, dass (einmal verbindlich festgelegte) Regeln für gendergerechte Sprache später die Lesbarkeit von auf Papier gedruckter Braille-Schrift beeinflussen werden. Aktuell gibt es ja noch keine fest definierte Regeln. Die Frage ist also, welche der aktuell möglichen Varianten mit Sonderzeichen tangiert am wenigsten verschiedene Behinderungsarten. Beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. gibt es dazu eine Stellungnahme.

Grundsätlich kann man wohl unterstellen, dass die meisten Menschen die ausgeschriebene Variante (zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) bevorzugen würden. Allerdings bezieht sich das nur auf kurze Texte in denen diese Form nicht mehrfach auftaucht. Es gibt genügend Beispiele, in denen die ausgeschriebene Variante auch zu großen Problemen führt. Domingos de Oliveira hat dafür ein gutes Beispiel gefunden:

"Wir wollen die Möglichkeiten und Chancen nutzen, die die Telemedizin mittlerweile den Ärztinnen und Ärzten, den Patientinnen und Patienten und den Telemedizin-Assistentinnen und -Assistenten bietet."

So offensichtlich fehlgeleitet dieses Extrem ist, Gendern durch Sonderzeichen kann man eigentlich auch nicht mit gutem Gewissen empfehlen (Beispiele: Mitarbeiter_innen, Mitarbeiter/-innen, MitarbeiterInnen, Mitarbeiter*innen). Optimal sind natürlich Alternativen, wie beispielsweise "Team" anstelle von "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Aber das funktioniert leider auch nicht immer.

Macht das Gender Binnen-Sternchen das Rennen?

Mein Gefühl sagt mir, dass das Binnen-Sternchen möglicherweise als "offensichtliche Kennzeichnung" in Zukunft das Rennen machen könnte (auch weil das diverse Geschlecht inkludiert ist). Diese Lösung verändert das ursprüngliche Wort an sich vergleichsweise wenig. Die meisten Screenreader werden das Sternchen wohl auch nicht deaktiviert haben, weil es auch zur Auszeichnung von Pflichtfeldern in Formularen eingesetzt wird. Vorgelesen wird es dann wohl als "Mitarbeiter Stern innen". Ist zunächst mal ungewöhnlich und möglicherweise sogar für Screenreader-Nutzer erstmal nervig. Doch inwieweit sich die Zielgruppe der Screenreader-Nutzer dann irgendwann selbst behilft und das Anhängsel automatisch wieder entfernt, wird man sehen. Technisch wäre es ja kein Problem das *innen zu indentifizieren und auf Wunsch nicht mit vorlesen zu lassen.

Merkblatt gendergerechte Sprache

Beim Sozialministerium Baden-Württemberg gibt es zu dem Thema gendergechte Sprache ein ganz schönes Merkblatt. Zusammengefasst kann man sagen, dass folgende Vorgehensweise den besten Kompromiss zwischen Barrierefreiheit (also Lesbartkeit) und gendergerechter Sprache schafft:

  • So weit wie möglich neutrale Formulierung verwenden, beispielsweise Personen, Elternteil, Ratsmitglied, Lehrkraft, etc.
  • Alternativ Substantivierung verwenden, beispielsweise die Minderjährigen, die Steuerpflichtigen, etc.
  • Zusätzliche Alternative, Verwendung von Sammelbegriffen, wie die Mannschaft, das Präsidium, das Team, etc. (klingt manchmal vielleicht etwas hölzern)
  • Verwendung von Ableitungen auf ung-, -schaft und -ling, wie beispielsweise Prüfling, Schützling die Abteilungsleitung und die Belegschaft
  • Wenn mit all diesen Möglichkeiten nichts zu machen ist, greift die Paarformel: zum Beispiel Ärzte und Ärztinnen, etc. (Eine Alternative wäre aber beispielsweise "die Ärzteschaft")
  • Und wenn am Ende all diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kommt das Binnen-Sternchen zum Einsatz.

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