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Freier Zugang: Website von wien.at jetzt zugänglich

27. Mai 2005

Wien ist anders. Hinter dem Slogan der Stadt Wien steht seit kurzem eine noch tiefergehende Bedeutung, denn mit dem gerade vollzogenen Relaunch der Website schaut man in eine barrierefreie Zukunft. Wir haben genauer hingeschaut und wollten wissen, wie zugänglich man eine derart umfangreiche Website bekommen kann.

Glückliches Österreich 

Das Gute vorneweg: man sieht der Website nicht an, dass sie barrierefrei gestaltet wurde. Im Vergleich zur bisherigen Website, die seit 2001 das virtuelle Bild der Stadt Wien bildete, ist sie übersichtlicher, farbenfroher und dennoch zugänglicher geworden. In zehn Jahren, die wien.at nun schon im Netz der Netze vertreten ist, hat sich die Website dem steten Wandel der Trends ebenso unterworfen, wie viele andere Websites auch. Dabei sind Strukturen im Backend-Bereich gewachsen und Datenbanken mit Inhalten gefüllt worden, der Experte spricht hier vom sogenannten Legacy-Content - auf gut Deutsch: Altlasten. All das galt es, beim Relaunch über Bord zu werfen und dennoch alle Inhalte und Funktionen in den neuen Auftritt zu integrieren. Geworden ist hieraus ein hervorragendes Beispiel für zugängliche Websites im deutschsprachigen Internet, echtes Best Practice also, das sich auch international nicht verstecken muss.

Leise Töne 

In Wien hat man sich viele Kapazunder (österreichisch für Kapazitäten, also Fachleute und Experten) für den Relaunch ins Haus geholt und lange an dem Ziel Barrierefreiheit gearbeitet. Wie wir zuletzt bei den Darmstädter Kongressen erfahren durften, spricht man von einem Zeitraum von etwa zwei Jahren, die mit den Vorbereitungen und Planungen zum Relaunch verbunden waren.

Erfreulich, dass man nach zwei Jahren dennoch die leisen Töne anschlägt und vorsichtig vom großen Ziel der Barrierefreiheit spricht, dem man sich genähert habe. Wir finden: soviel Bescheidenheit stünde allen gut, die auf barrierefreie Websites hin arbeiten, denn es bringt zum Ausdruck, dass man verstandenhat, worum es geht. Um einen Prozess und der ist bekanntlich nie zu Ende, da er irgendwann von vorne beginnen muss.

Gute Zugänglichkeit zahlt sich aus 

Barrierefreie Webseiten vom Schlag wien.at treffen wir in unserem Test-Alltag mit über 500 Barriere-Checks® nicht häufig an. Verwundert haben wir uns zunächst die Augen gerieben, als wir auf die Seitengröße von insgesamt nur 98 Kilobyte und die damit verbundene geringe Ladezeit im Geschwindigkeitstest schauten. Das ist eine merkliche Verbesserung im Vergleich zur vorhergehenden Website, wo noch rund 120 Kilobyte pro aufgerufener Seite durch die Leitungen gepresst wurden.

Insgesamt wurden bei mehr als 40.000 einzelnen Seiten, aus denen sich der Auftritt von wien.at zusammensetzt, schätzungsweise 20 Kilobyte pro Seite eingespart. Bei mehr als 2 Millionen Besuchern im Monat und etwa 10 Seitenaufrufen pro Besucher ergibt das eine Reduzierung der Bandbreite um mehr als 420 Gigabyte im Monat. Das spart nicht nur Traffic-Kosten, sondern verringert auch die Belastung der Hardware und hilft somit gleich doppelt beim Kostensparen.

Licht und Schatten 

Im Hintergrund der Wiener Online-Präsenz werkelt das Content Management Framework von Plone in einer Zope-Umgebung. Mit diesem sehr mächtigen Werkzeug ist es - wie man an wien.at sieht - durchaus möglich, barrierefreie Internetseiten im großen Stil generieren zu lassen. Und zwar mit validem Quelltext, auch wenn der ein oder andere Leser sicherlich meckern mag, dass es "nur" für HTML 4.01 Transitional gereicht hat. XHTML mag zwar fortschrittlicher sein, aber zuweilen muss man auch den historischen Inhalten und den Forderungen der Kunden Rechnung tragen und selbst die BITV befindet HTML 4.01 als durchaus tauglich, um barrierefreie Seiten zu erstellen. Warum also nicht.

Gut gefallen hat uns auch die Skalierbarkeit der Inhalte. Bei der Suchfunktion und bei manch anderem kleinen Icon skalieren sogar die Grafiken mit. Nett. Sehr gelungen ist vor allem der Aufbau des HTML-Gerüsts, so dass die Navigation am Ende des Quelltextes kommt, vom Anfang der Seite aus jedoch mit Sprungmarken angesprungen werden kann. Besonders gut finden wir die Auszeichnung von Sprachwechseln, Abkürzungen und Akronymen innerhalb der gesamten Website. Das verdient nicht nur einen Fleißpunkt, sondern Betonung, denn im Sinne der Nachhaltigkeit sollte das eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber leider (noch) nicht. Nicht unterschlagen wollen wir auch die Druckfunktion über ein eingebundenes CSS, dessen Fehlen wir normalerweise gerne bemängeln. Dabei ist es so einfach und schnell realisiert.

Weniger gut gefallen hat uns die Benutzerführung in der Website. Wir folgten den aktuellen Mitteilungen und waren sofort verloren. Kein Rubriken-Anzeiger, keine Pfad-Angabe, keine Inhaltsübersicht. Und das nach nur einem Klick. Auf anderen Seiten fanden wir dann zwar einen Brotkrümel-Pfad, auch Ariadne-Pfad genannt, der für kurzsichtige Menschen aufgrund der winzigen Buchstaben jedoch kaum mehr lesbar sein dürfte. Etwas irreführend sind die ansonsten recht gut gemeinten Bedienungshinweise. Dort gibt es im Abschnitt "Accessibility" einen Hinweis über den Seitenaufbau, dessen Navigation durch Sprungmarken erleichtert werden soll und speziell für Screenreader oder Textbrowser auch sichtbar sein sollen. Durch die Nummerierung dachten wir zunächst an Accesskeys. Der Erklärung, dass der Aufbau in Screenreadern sichtbar sein sollte folgend, dachten wir dann aber an Überschriften oder Listen. Letztlich ist es eine Mischung aus alledem, nämlich ene Übersicht der wichtigsten Struktur-Elemente der Website.

Schönheitsfehler und leichte Mängel 

Leider sind nicht immer alle Grafiken mit einem Alternativtext ausgestattet - vielleicht geschieht dies aber auch bewusst nicht. Externe und interne Links werden nämlich durch ein Icon erklärt und unterschieden. Diese Icons werden am Anfang einer jeden Seite, auf der sie vorkommen, noch einmal für sehende Menschen erklärt - eine Auszeichnung der Grafik mit einem Alternativtext scheint uns daher sinnvoll, denn bei abgeschalteten Grafiken oder in Nur-Text-Browsern geht diese Information verloren.

Auch die Suchfunktion, vor allem aber die Ergebnisliste, fanden wir wenig überzeugend. Die dort gegebenen Informationen sind wenig hilfreich, denn die Zahl der Zeichen deutet zwar auf den Lese-Aufwand hin, allerdings wird auch aus der guten Hilfe zur Suchfunktion nicht klar, wie die Ergebnisse vor der Ausgabe sortiert werden. Eine Anzeige der Relevanz der Ergebnisse, kurze Auszüge oder gar eine Hervorhebung des Suchbegriffs wären für ein Stadtportal dieser Größenordnung mehr als wünschenswert. Das können zumeist Weblogs heute schon aus dem Stegreif. Übrigens: die Hilfe-Funktion zur Suche sollte besser vor dem Absenden des Suchwortes stehen, sonst muss man sich erst zur Sucheingabe zurücktasten.

Fazit 

Abgesehen von generellen Usability-Fragen und Feinheiten, die man im laufenden Prozess aber durchaus in das Projekt integrieren kann, ist wien.at das, was wir eingangs bereits sagten: Best Practice.

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