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Der Kampf beim Kunden: Barrierefreies Internet

27. April 2004

Seit Mitte der 90er Jahre ist die Zugänglichkeit von Web-Seiten ein Thema und seit 1999 gibt es die Richtlinien der Web Accessibility Initiative. Seither schenkt man diesem Thema auch in Europa vermehrt Beachtung. Gleichstellungsgesetz und BITV fordern Web-Auftritte weitgehend barrierefrei und damit besser zugänglich zu machen.

Mit der Gesetzeskeule wie ein Damoklesschwert über dem Haupt und dem Konvolut der WAI-Richtlinien und dem der BITV auf dem Schreibtisch machen sich also Anbieter und Programmierer seufzend ihre Gedanken. Aber nicht nur gesetzliche Erfordernisse sitzen einem im Nacken - das im Jahr 2003, dem von der EU proklamierten Jahr der Menschen mit Behinderungen, unsanft wachgerüttelte "soziale Gewissen" tut sein Übriges: Man muss relaunchen, um seinen guten Willen zu beweisen.

Also setzen sich Verantwortliche und die Partneragentur, die den Auftritt vor vier Jahren auf die Beine gestellt hat, an den sprichwörtlichen runden Tisch. Und man ist sich bald einig: Der Anbieter möchte einen barrierefreien Auftritt - aber selbstverständlich darf am CD nicht gerüttelt werden. Die Agentur sagt zu, denn sie will den langjährigen guten Geschäftspartner schließlich behalten. Man studiert also die Richtlinien, streicht, was aufgrund des CD und des CMS mit vertretbarem Aufwand unmöglich scheint und tut, was man eben kann.

Die Richtlinien werden abgearbeitet, die Checktools bemüht und ausgetrickst, indem man beispielsweise alle Bilder mit demselben Alt-Attribut versieht, so dass BobbyWave & Co schon mal zufrieden sind (falls diese überhaupt bekannt sind und auch bemüht wurden) - und dann geht man beruhigt online.

Der Anbieter, im guten Glauben an die Erfüllung der Richtlinien (er wiegt sich in Sicherheit, also überlässt er das den Fachleuten) und die Agentur in dem Wissen, aus der schwierigen Situation das Optimum herausgeholt zu haben, sind zufrieden mit der Pressemeldung.

Und dann passiert das Unvermeidliche: Die wahren Kenner der Materie kommen aus ihren Nischen hervor, als hätten sie nur auf diesen Moment gewartet, fallen wie die biblische Heuschreckenplage über die "Neuankömmlinge" in der Accessibility-Szene her und machen Hackfleisch aus ihnen: "Das Gegenteil von gut ist eben gut gemeint", sagen sie. "Hättet ihr uns vorher gefragt ...". Lautstarke Unterstützung gewähren natürlich die betroffenen User und Lobbyisten - sozusagen als Trabanten der Sterne am Accessibility-Himmel. Der Frage, warum diese erst jetzt auf den Plan treten, wo der Karren bereits festgefahren ist, soll in einem eigenen, noch folgenden, Beitrag im Sinne der Gleichbehandlung, um die wir ja bemüht sind, auf den Grund gegangen werden.

Und nun bricht eine wahre Schlacht los und tobt wie ein Bandenkrieg in Rio. Die verbalen Steine der Überheblichkeit auf Seiten der Experten werden von der anderen Seite mit gekränktem Naserümpfen und Missachtung quittiert - sollen die doch reden, was verstehen sie schon von der Realität?

Zum Glück läuft es nicht immer so, aber niemand wird allen Ernstes behaupten wollen, dass das Szenario ganz und gar unwirklich ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es auch das Miteinander und nicht nur das Nacheinander oder gar Gegeneinander gibt. Wenn sich nämlich Anbieter, Agentur und Spezialisten von Vornherein an einen Tisch setzen und alle bereit sind, mangelndes Verständnis und Unwissenheit nicht zu kaschieren, sondern sich zu informieren, gibt es vielleicht nicht gerade einen raschen Relaunch, dafür aber eine vor allem für die Benutzer verbesserte Zugangsmöglichkeit. Dann passiert es auch kaum, dass die wichtigste Komponente übersehen wird: Das Publikum, ohne das der gesamte Aufwand ad absurdum geführt würde. Und die Besucher kommen nun einmal aus allen Ecken: Sie haben veraltete Hard- und Software, keine Ahnung von den Möglichkeiten (und Tücken) des Internets, sind körper- oder sinnesbehindert, leiden unter Konzentrationsstörungen oder sind einfach Computer-Neulinge mit Schwellenangst oder interessierte Senioren, die ihre strapazierten Beine entlasten möchten. Und letztere haben die Kaufkraft; das wird allzu oft übersehen.

Die Beseitigung von Barrieren ist also keineswegs nur ein auf sozialem Engagement basierendes Minderheitenprogramm, denn es ist längst bekannt, dass weitgehend barrierefreie Seiten für alle besser benutzbar sind. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz ist aber mangels Alternativen auf dieses Medium verstärkt angewiesen. Von Bedeutung ist also nicht nur, wie groß die Anzahl ist, die von der Umsetzung profitiert, sondern wie viele bei Nichtbeachtung ausgegrenzt werden. Denn wenn im Supermarkt immer weniger Personal zur Verfügung steht, die Bankfilialen bald unbesetzt sind und Behördenwege online durchgeführt werden sollen, gehören barrierefreie Angebote keineswegs nur zum guten Ton, sondern sind Bestandteil der Rechte und Pflichten aller Bürger.

Wer also seinen Web-Auftritt erneuert, täte gut daran, dem Thema Barrierefreiheit davor und nicht erst danach die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Vielleicht ist Team-Arbeit das Schlüsselwort zur gesunden Aufteilung von Verantwortung und Belastung, das die Tür zu besser zugänglichen Seiten leichter öffnet als die Möglichkeit sein Recht einzuklagen.

Denn: Vorbeugen ist bekanntlich besser als Heilen - und vor allem billiger.

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Buch Barrierefreiheit

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Barrierefreies Internet

Als Agentur für Universelles Design und Herausgeber des Barrierekompass, hat anatom5 seit 2003 eine weitreichende Expertise im Bereich barrierefreie Informationstechnologie erlangt.

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Die Leistungsfelder umfassen das gesamte Thema Barrierefreiheit nach BITV: Barrierefreies Internet, Barrierefreie PDF, Barrierefreies Responsive Design, Usability & Accessibility Konzeption, Leichte Sprache, Einfache Sprache, UI-Design, BITV-Testing, Schulungen und Workshops.

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Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Barrierefreiheit spiegelt sich auch in diversen Auszeichnungen wider, die anatom5 seit 2003 erhalten hat (BIENE-Awards, Projekte aus der 90plus Liste).

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