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Content Management Systeme im Einsatz für Barrierefreies Internet

3. Mai 2004

CMS, WCAG & ATAG: Fachleute erkennen in dem Abkürzungswust natürlich sofort, dass es um Content Management Systeme im Zusammenhang mit den Web Content Accessibility Guidelines und den Authoring Tools Accessibility Guidelines geht, also um das Zusammenspiel dieser einzelnen Komponenten vor dem Hintergrund der Thematik Barrierefreies Internet.

Vom Grundprinzip sind Content Management Systeme bestens dazu geeignet, um barrierefreie Internetseiten auszugeben und so dem Internet dabei zu helfen, für alle zugänglicher zu werden. Die meisten CM-Systeme beherrschen die Trennung von Darstellung und Inhalten bereits seit mehreren Versionen, denn Redakteure sollen ja nur die Inhalte verändern können, nicht aber das Layout der Seite. Damit ist eine wesentliche Grundforderung von Barrierefreiheit erfüllt. Aber auch wirklich nur eine. Viele Hersteller brüsten sich nun damit, dass ihre Systeme barrierefreie Internetseiten ausgeben. Gemeint ist damit aber lediglich, dass man validen Quellcode ausgibt und für Bilder die Vergabe von Alternativtexten zwingend vorschreibt. Doch auch das reicht höchstens für eine normale Internetpräsenz - einen echten Anspruch auf Barrierefreiheit darf ein solches System noch nicht erheben.

Etikettenschwindel

Marketing-Instrument zu nutzen, um das eigene System von anderen Anbietern zu differenzieren. Das ist sehr kurzsichtig gedacht und kann im schlimmsten Fall sogar nach hinten losgehen. Gemeint ist die Gefahr, die stets hinter Etikettenschwindel steht. Entschuldigung, aber letztlich ist das genau das Wort, was den Nagel auf den Kopf trifft. Man kann es auch "Buzz-Word" nennen und alles sieht harmloser aus, weil es ein englisches Wort ist und einen so hübschen Klang hat. Die Realität zeigt jedoch, dass Barrierefreies Internet keine hübschen Worte sondern Taten braucht.

Content Management "auf contentmanger sind gegenwärtig etwa 20 Systeme gelistet, die auf das Suchwort "barrierefrei" reagieren. Unter mehr als 700 Einträgen kann man sich damit schon unterscheiden, denn Barrierefreies Internet ist für Einrichtungen des Bundes und der Länder ein wichtiges Thema. Zur Erinnerung: bis Ende 2005 müssen hier die notwendigen Hebel in Bewegung gesetzt werden, um alle Auftritte barrierefrei zu gestalten.

Am schnellsten reagiert hat die Allianz aus coremedia und dem Systemhaus Materna, die mit dem Government Site Builder ein "für Behörden optimiertes Content Management System" anbieten. Auf der CeBIT 2004 konnte das System zwar in Ansätzen überzeugen, jedoch geht umfassende Barrierefreiheit noch weiter, doch dazu später mehr. Aber auch andere Anbieter sind bereits auf den Dreh gekommen und bieten ihre Systeme speziell für diese Gruppe an. Da darf dann auch das Wort "barrierefrei" in der Beschreibung nicht fehlen.

Theorie und Praxis

In der Praxis sieht das dann so aus:

CMS-XY unterstützt die Erzeugung von barrierefreien Internetseiten verschiedener Level nach den WAI-Richtlinien. Auf diese Weise können auch Nutzer mit Einschränkungen, wie zum Beispiel Sehbehinderungen oder blinde Menschen, ungehindert Ihren Internetauftritt besuchen. Gleichzeitig wird zudem die Darstellung Ihrer Website auf mobilen Endgeräten, wie WAP-Handy oder PDA ermöglicht.

Klingt doch gut, oder? Zumindest klingt es solange gut, bis man sich die entsprechenden Praxisbeispiele ansieht oder einfach nur in den detaillierten Produktbeschreibungen liest. Oft findet man bereits in den ausführlicheren Beschreibungen Hinweise, wie Barrierefreies Internet vom CMS-Hersteller interpretiert wurde. Ein besonders häufig anzutreffender Fall ist der, in dem von einer Seite über verschiedene Vorlagen mehrere Varianten erzeugt werden, also beispielsweise eine Nur-Text-Version und eine Druckversion. Der Nachteil daran: Nur-Text-Versionen sind per Definition schon nicht barrierefrei und alle Zweifler sollten nochmals die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung zur Hand nehmen und die einzelnen Punkte (vor allem 11.3) durcharbeiten. Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass man speziell für blinde, sehbehinderte oder geistig behinderte Menschen arbeitet. Es bedeutet den Zugriff auf Informationen für alle und es bedarf nicht erst einer Behinderung, um Vorteile aus der Nutzung von barrierefreien Internetseiten zu ziehen.

Unterstützung bei Erstellung barrierefreier Inhalte

Entscheidend ist das, was beim Benutzer der Seiten ankommt, also der ausgegebene Quelltext und dessen Interpretation durch das Ausgabemedium, sei es nun ein Browser, ein Mobiltelefon oder eine Braillezeile. Die Ausgabe ist natürlich stark von der Qualität des Quellcodes abhängig, fordert also die Einhaltung aktueller W3C-Standards für XHTML/HTML und CSS. Valider Code ist die Ausgangsbasis für barrierefreie Internetseiten. Die Vermeidung von Layout-Tabellen, Frames und anderen unschönen HTML-Praktiken ist eine andere Seite und liegt mehr in der Verantwortung der Webdesigner als bei Herstellern von CM-Systemen.

Neben Standardkonformität nach W3C und Alternativtexten sowie der Trennung von Struktur, Gestaltung und Inhalt einer Seite, muss ein barrierefreies Content Management System auch bei der täglichen Redaktion die Einhaltung von Barrierefreiheit unterstützen. Abkürzungen, Akronyme und Sprachwechsel müssen ausgezeichnet werden, später gilt es, ein Glossar mit den Erklärungen bereitzustellen. Verlinkungen sollten mit Link-Attributen versehen werden und ein integrierter WYSIWYG-Editor sollte nur jene Styles anbieten, die ein Webdesigner für eine Seite definiert hat, um unliebsame HTML-Wüsten mit Font-Tags zu vermeiden oder gar den validen Quelltext in Gefahr zu bringen.

Was also, wenn ein System nun validen und strukturierten Code, ohne Layout-Tabellen und Frames, mit (sinnvollen) Alt-Attributen für Bilder und Grafiken und CSS-Unterstützung enthält? Ist das dann barrierefrei? Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und es kann, wenn es gut gemacht ist, zumindest zu Barrierefreiheit am Vordereingang führen. Doch es ist ein weiter Weg bis zur Triple-A Konformität nach den Richtlinien der WCAG.

Was die WCAG für die Inhalte sind, sind die Authoring Tool Accessibility Guidelines für Content Management Systeme: Richtlinien, die eine Basis für Barrierefreiheit definieren und somit Standards setzen. Die gegenwärtige Version der ATAG verfolgt das Ziel, dass Autorensysteme für deren Benutzer in jeder Hinsicht zugänglich sein müssen und darüber hinaus barrierefreien Code ausgeben und den Redakteur bei der Erstellung von barrierefreien Inhalten so weit wie möglich unterstützen. Auch hier sind nicht nur behinderte Menschen die Zielgruppe, denn ein leicht zu bedienendes Content Management System, das mit allen Ausgabegeräten bedient werden kann, ist zum einen zukunftsorientiert und zum anderen ein klarer Wettbewerbsvorteil im Kampf um Marktanteile.

Lieferanteneingang barrierefrei: die Administration

Richtig interessant wird Barrierefreiheit erst in der Administration. Oder auf dem Weg dorthin. Denn die Aussage "barrierefreies CMS" bezieht die Verwaltung der Inhalte, sprich das Back-End, mit ein. Ansonsten sollte es besser "Ausgabe barrierefreien Quellcodes" lauten, sofern es denn auch wirklich stimmt.

Eine barrierefreie Verwaltung bieten derzeit nur sehr wenige Content Management Systeme und wenn, dann nicht im vollen Umfang. Da die meisten CMS-Anbieter Produkte offerieren, die über ein Web-Interface bedient werden können, gibt es eine Vielzahl von Formularen, Schaltflächen und Anglizismen. Diese Funktionen müssten alle barrierefrei zu bedienen sein und trotzdem benutzbar und komfortabel für jeden bleiben. Zudem sind Hilfestellungen nötig, wobei die Hilfe selbst wiederum barrierefrei sein muss. Wie gesagt, der Weg ist lang.

Fazit

Barrierefreie Content Management Systeme erkennt man daran, dass Sie sich an den Richtlinien der ATAG orientieren. Denn dann sind die WCAG automatisch mit eingebaut, zumindest sollte es so sein, wenn nicht wieder das nächste Buzz-Word gejagt wird. Ein Test des Redaktionssystems, vor allem der Administration, auf Barrierefreiheit, kann bei der Entscheidung zugunsten des einen oder anderen Systems helfen. Wie umfangreich ein Test ausfallen soll, liegt dabei im Ermessensbereich der Entscheidungsträger: vom einfachen Test mit Lynx bis hin zur professionellen Auswertung durch eine in Accessibility-Fragen erfahrene Agentur gibt es vielerlei Möglichkeiten.

Woran man barrierefreie Content Management Systeme erkennen kann, zeigt die abschließende Liste noch einmal auf:

  • Ausgabe von strukturiertem Code mit Überschriften, Absätzen und anderen Elementen

  • Automatische Überprüfung der Seite auf Validität vor der Veröffentlichung

  • Unterstützung bei der Erstellung barrierefreier Inhalte (Sprachwechsel, Abkürzungen, usw.)

  • Benutzerdialoge zum Einbinden von Medien (Alternativtexte für Bilder und ähnliches)

  • Barrierefreier Zugang zur Administration und allen Funktionen

  • Saubere Trennung von Struktur, Layout und Inhalt über Templates

  • Verwendung von Cascading Stylesheets zur Formatierung der Darstellung

  • Vermeidung von Layout-Tabellen und Frames

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Barrierefreies Internet

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