Buchrezension: „Barrierefreie Webseiten – Grundlagen, Anwendung, Praxis“
Als der Rheinwerk Verlag 2024 ein neues Fachbuch zur digitalen Barrierefreiheit ankündigte, war die Erwartung entsprechend hoch. Ich hatte damals bereits kurz darüber berichtet, zu einem Zeitpunkt, als das Buch noch nicht erhältlich war. Ende 2025 hatte ich schließlich Gelegenheit, „Barrierefreie Webseiten – Grundlagen, Anwendung, Praxis“ zu lesen.
Die Autoren sind in der Szene keine Unbekannten. Tobias Aubele kommt aus der Usability-Ecke. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit benutzerfreundlichen digitalen Produkten, mit Interaktionsdesign und der Frage, wie Menschen sich in digitalen Oberflächen orientieren. Detlef Girke dagegen ist klar im Bereich Accessibility verortet. Er arbeitet seit langem an Themen rund um barrierefreie Informationstechnologie und bringt zudem eine Perspektive ein, die in Fachliteratur selten so unmittelbar vertreten ist: Girke ist selbst blind (allerdings mit Restsehfähigkeit) und kennt viele der beschriebenen Probleme aus eigener Nutzungserfahrung. Diese unterschiedlichen Blickrichtungen prägen das Buch deutlich.
Der Text liest sich angenehm flüssig. Fachbücher zu Accessibility haben manchmal die Tendenz, sich in Normtexten und technischen Details zu verlieren. Hier wird bewusst ein anderer Weg gewählt. Viele Kapitel orientieren sich stärker an praktischen Fragestellungen aus Design, Entwicklung und redaktioneller Arbeit. Beispiele, Hinweise aus der Praxis und kurze technische Einordnungen wechseln sich ab. Inhaltliche Fehler sind mir beim Lesen nicht aufgefallen. Das überrascht bei diesen beiden Autoren auch nicht.
Mit dem Aufbau des Buches bin ich persönlich allerdings nicht ganz glücklich. Gesetze, Normen und Richtlinien spielen im Buch eine auffallend geringe Rolle. Die eigentliche Behandlung dieses zentralen Aspekts beginnt erst ab Seite 449. In einem Werk mit etwas mehr als 500 Seiten wirkt das fast wie ein Epilog. Ganz ausgeblendet werden sie zwar nicht – auf Seite 50 findet sich bereits ein kurzer Hinweis auf die EN 301 549 – aber die normative Grundlage der Barrierefreiheit bleibt lange im Hintergrund.
Ich habe darüber mit Detlef Girke gesprochen. Die Entscheidung kam vom Verlag. Offensichtlich wollte man vermeiden, potenzielle Leser gleich zu Beginn mit Normen und Gesetzestexten zur Barrierefreiheit zu langweilen. Aus verlegerischer Sicht lässt sich das nachvollziehen. Inhaltlich bleibt bei mir ein ungutes Gefühl. Wer sich mit barrierefreiem Webdesign beschäftigt, sollte früh verstehen, dass Barrierefreiheit kein Baukasten mit frei wählbaren Einzelaspekten ist. Die gesetzlichen Vorgaben und die WCAG definieren ein Mindestniveau. Darunter kann man nicht ernsthaft von Barrierefreiheit sprechen. Dieser Zusammenhang wird im Buch zwar erwähnt, aber nicht mit der Deutlichkeit, die ich mir wünschen würde.
Ein zweiter Punkt betrifft die Vermischung von Usability und Accessibility. Auch das war offenbar eine bewusste Entscheidung des Verlags. Bei zwei Autoren, die genau diese beiden Disziplinen vertreten, liegt der Gedanke nahe. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, beide Begriffe sauber auseinanderzuhalten. Die WCAG adressieren ausschließlich Barrieren, die Menschen mit Behinderungen betreffen. Gesetze greifen ebenfalls nur diese Aspekte auf. Gute Usability kann Accessibility erheblich verbessern, sie ersetzt sie aber nicht. Diese Unterscheidung verschwimmt im Buch gelegentlich.
Inhaltlich versucht das Buch, ein sehr großes Feld abzudecken. Es geht nicht nur um barrierefreie Webseiten. Auch barrierefreie Dokumente, Social Media, Software, Apps sowie Einfache und Leichte Sprache werden beispielsweise behandelt. Dazu kommt ein eigenes Kapitel zu „WordPress und Co. barrierefrei gestalten“. Für rund 500 Seiten ist das eine enorme thematische Breite. Einige Bereiche sind dadurch zwangsläufig vielleicht etwas knapp geraten. Zum Vergleich: Das Buch „Barrierefreiheit verstehen und umsetzen“ von Jan Hellbusch und Kerstin Probiesch erschien 2011 mit über 800 Seiten und konzentrierte sich auf deutlich weniger Themenfelder. Aubele und Girke verfolgen dagegen eher den Ansatz eines breiten Überblicks. Das funktioniert stellenweise gut, an anderen Stellen hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht.
Ein interessanter Aspekt ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz. In einer Zeit, in der inzwischen sogar ganze Bücher automatisiert erstellt werden können, fällt positiv auf, dass sich dieses Buch insgesamt sehr konsistent und flüssig liest. An einigen Stellen lassen sich – wenn man gezielt darauf achtet – gelegentlich Formulierungen oder Satzkonstruktionen erkennen, die an typische KI-Textmuster erinnern. Insgesamt wirkt der Einsatz von KI jedoch maßvoll und bewegt sich in einem Rahmen, der aus meiner Sicht im heutigen redaktionellen Arbeitsalltag durchaus üblich ist.
Inhaltlich spielt KI im Buch selbst noch kaum eine Rolle. Es gibt eine einzelne Seite mit dem Titel „ChatGPT zur Codeoptimierung und Prüfung“. Themen, die heute im Accessibility-Kontext intensiv diskutiert werden – etwa automatische Prüfverfahren, KI-basierte Assistenzsysteme oder Gebärdensprach-Avatare – tauchen nicht auf. Angesichts der schnellen Entwicklung in diesem Bereich ist das aber nachvollziehbar. Ein Fachbuch kann hier kaum mit der Entwicklung Schritt halten.
Trotz der genannten kleineren Kritikpunkte bleibt mein Gesamteindruck sehr positiv. „Barrierefreie Webseiten – Grundlagen, Anwendung, Praxis“ ist ein gut lesbares Fachbuch, das einen breiten Einstieg in das Thema ermöglicht. Wer bereits lange im Bereich Accessibility arbeitet, wird aber vermutlich trotzdem wenig wirklich Neues entdecken. Für Designer, Entwickler, Redakteure und Projektverantwortliche, die sich erstmals intensiver mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigen, bietet das Buch aber einen guten Einstieg.
Fazit: ein gutes Buch. Meine Kritik richtet sich weniger gegen den fachlichen Inhalt als gegen einige konzeptionelle Entscheidungen rund um Aufbau und Schwerpunktsetzung. Dass der Verlag versucht hat, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, ist offensichtlich. Unter diesem Blickwinkel wirkt vieles im Buch nachvollziehbar. Und letztendlich muss sich ein Fachbuch ja auch verkaufen.
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Barrierefreie PDF

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Barrierefreies Internet
Als Agentur für Universelles Design und Herausgeber des Barrierekompass, hat anatom5 seit 2003 eine weitreichende Expertise im Bereich barrierefreie Informationstechnologie erlangt.
Spezialisierte BITV-Agentur
Die Leistungsfelder umfassen das gesamte Thema Barrierefreiheit nach BITV: Barrierefreies Internet, Barrierefreie PDF, Barrierefreies Responsive Design, Usability & Accessibility Konzeption, Leichte Sprache, Einfache Sprache, UI-Design, BITV-Testing, Schulungen und Workshops.
Ausgezeichnete Barrierefreiheit
Die intensive Beschäftigung mit digitaler Barrierefreiheit spiegelt sich auch in diversen Auszeichnungen wider, die anatom5 seit 2003 erhalten hat, darunter 10 Nominierungen für einen BIENE-Awards der Aktion Mensch.
