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Braucht Barrierefreies Internet ein Prüfsiegel?

20. März 2004

Alle zwei Jahre zittern Millionen Autobesitzer, wenn es darum geht, die Prüfplakette des TÜV für weitere 24 Monate zu erhalten. Hauptuntersuchung nennt sich der Vorgang und wer sich nicht freiwillig dorthin begibt, dem drohen saftige Bußgelder und schlimmstenfalls die Stilllegung des Fahrzeugs. Doch nicht nur Automobilisten müssen sich derartigen Prüfverfahren unterziehen. Auch für Heizungsbesitzer, Kleingärtner, Freizeitsportler und nahezu jeden Bereich des Lebens gibt es ähnliche Verfahren, um die Funktionsfähigkeit von Geräten, die in Benutzung sind, sicherzustellen.

Die Gründungsgeschichte des Technischen Überwachungs Vereins ist die Geschichte von Unfällen und der Notwendigkeit, etwas dagegen zu unternehmen. Ausgangspunkt waren unzählige Unfälle mit Dampfmaschinen, die eine hohe Zahl an Opfern forderten. Der Staat versuchte, die Probleme unter Kontrolle zu bringen, aber alle staatlichen Kontrollversuche brachten keinen Erfolg, da die entsprechenden Beamten nicht über die notwendigen Fertigkeiten und Kenntnisse zur Überprüfung verfügten. Aus diesem Grund wurden die betroffenen Unternehmer selbst aktiv und gründeten einen Verein zur Revision von Dampfkesseln − die Geburtsstunde des TÜV. Das war 1871 und seither werden Maschinen und Dienstleistungen von eben jenem Verein kontrolliert. Und zwar in regelmäßigen Abständen. Auf diese Weise konnten in der Vergangenheit viele Unfallrisiken minimiert oder gar ausgeschlossen werden. Die Vorzüge von TÜV-Kontrollen wird heute kaum mehr jemand abstreiten.

Ein TÜV für Barrierefreies Internet

Wie gesagt: inzwischen umfassen die Dienstleistungen des TÜV weit mehr als nur die Überprüfung von Gerätschaften. Zu den neuen Aufgaben gehören neben Öko-Audits auch Zertifizierungs-Maßnahmen für nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Die Begriffe "Sicherheit" und "TÜV" sind inzwischen so eng miteinander verknüpft, dass sie oftmals schon synonym verwendet werden. Zeit also, sich mit der Frage nach einem "Barriere-TÜV", "Zugänglichkeits-TÜV" oder "Accessibility-TÜV" zu beschäftigen und der damit einhergehenden Zertifizierung oder Auszeichnung mit Hilfe einer Prüfplakette.

Momentan vertraut das Internet auf die Kraft der Selbstregulierung durch die Community. Zwar gibt es mit dem W3C ein Gremium, das sich weltweit um Standards für das Web kümmert und auch im Bereich Barrierefreies Internet bereits deutliche Akzente gesetzt hat, allerdings gibt es neben dieser Standard gebenden Organisation keine Instanz, die eine Einhaltung der Standards überprüft, gewissermaßen eine Internet-Polizei oder ein Internet-Ordnungsamt. Erschwerend kommt hinzu, dass es auch keine eindeutigen Kriterien gibt, an denen sich Barrierefreiheit derzeit messen lässt. Schuld daran ist die Mixtur aus harten und weichen Barrieren in der BITV, also den Versäumnissen der WCAG 1. Das haben die Verantwortlichen beim W3C auch unlängst erkannt und so wird mit der Entwicklung der WCAG 2 auch vieles anders werden und so, wie es aussieht, werden die einzelnen Schritte zur Barrierefreiheit auch normativer und somit nachprüfbar.

Im Bereich der DIN gibt es eine Technische Spezifikation mit der Bezeichnung ISO/TS 16071, die sich mit der Gestaltung von Software für die Zielgruppe körperlich behinderter Menschen beschäftigt. Diese ergänzt die Normenreihe ISO 9241-10 bis 9241-17, in der Empfehlungen für die ergonomische Gestaltung von Software gegeben werden. Auch diese Anleitungen bieten leider keinen Angriffspunkt für eine Handhabung von Barrierefreiheit in der Praxis.

Bobby und andere bunte Buttons

Manch einer mag jetzt aufschreien und sagen "Barrierefreies Internet ist doch längst nachprüfbar geworden.", und sich dann auf Bobby berufen. Mit Bobby kann man seine Seite in der Tat auf die wenigen harten Kriterien für Barrierefreiheit prüfen. Aber leider gibt es selbst für diese Prüfkriterien nicht immer eine eindeutig richtige Antwort, wie ein Blick in die Diskussionsforen der Web-Accessibility-Experten rund um den Globus zeigt. Dort wird zuweilen sehr hitzig über das Für und Wider diverser Lösungen für Barrierefreiheit diskutiert, ohne dass dabei die eine oder andere Partei das Recht auf ihre Seite ziehen kann.

Genau aus diesem Grund braucht Barrierefreiheit nachprüfbare Kriterien. Eine Rampe für Rollstuhlfahrer muss einen bestimmten Neigungswinkel haben. Hat sie diesen nicht, erfüllt sie nicht die Richtlinien. Eine Internetseite muss deutlich mehr Kriterien erfüllen und nicht alle lassen sich derzeit in Zahlen ausdrücken, wie beispielsweise die Forderung der BITV, dass Links sinnvoll benannt sein müssen. Und was bitte ist sinnvoll? Derart weiche Kriterien führen immer häufiger dazu, dass Internetseiten "nur" den technischen Anforderungen an Barrierefreiheit genügen, also jenen Kriterien, die eine Software wie Bobby automatisch überprüfen kann. Das Programm weist dann zwar darauf hin, dass der Benutzer manuelle Tests durchführen muss, um den Anforderungen der Standards zu entsprechen, aber das hindert das Programm nicht daran, einen Button auszuspucken, mit dem sich die so getestete Internetseite fortan schmücken kann. Diese Art der Zertifizierung führt zu bizarren Blüten in der Internetlandschaft und so zertifizieren sich viele Seiten bereits selbst - mit eigens dafür gestalteten Buttons, die dem Benutzer verkünden, dass er sich auf einer Seite befindet, die "für Sehbehinderte optimiert" wurde.

Dampfmaschinen und Barrierefreiheit

Ähnlich wie mit den Dampfmaschinen ist vielleicht nicht der Staat gefragt, um eine Regulierung zu schaffen. Die BITV ist dazu auch denkbar ungeeignet, denn sie eint nicht, was zusammengehört, sondern spaltet, wo Technik, Gestaltung und Inhalte aufeinandertreffen. Die Opfer sind dieses Mal vor allem jene Kunden, denen Barrierefreiheit zugesichert wurde und wo am Ende höchstens Alternativtexte für Bilder drin stecken. Und damit verbunden natürlich all jene Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind.

Wem vertraut man einen solchen Test auf Barrierefreiheit an? Der BIENE-Award hat gezeigt, dass es möglich ist, eine Internetpräsenz in mehreren Schritten und unter den gegebenen Umständen auf Barrierefreiheit zu testen. Der damit verbundene Aufwand ist jedoch zu hoch, denn sollte es wirklich ein Prüfsiegel für Barrierefreies Internet geben, dann wäre mit einem Ansturm auf das Siegel und die damit beauftragte Instanz zu rechnen. Zudem müsste eine derartige Institution über breite Akzeptanz, Glaubwürdigkeit und Durchsetzungsvermögen verfügen, so wie es bei TÜV oder Stiftung Warentest über lange Jahre hinweg aufgebaut wurde.

Handhabung in Europa

In unseren europäischen Nachbarländern hat man den Schritt zur Vergabe eines Siegels für barrierefreie Internetseiten vereinzelt bereits vollzogen. Beispielsweise gibt es in den Niederlanden mit der Initiative "Drempels Weg" eine Institution, die eine Evaluation von Internetseiten unter dem Aspekt der Barrierefreiheit anbietet und für erfolgreich getestete Seiten ein Prüfsiegel vergibt. Das Resultat macht wenig Mut: neben erheblichen Kosten von mehr als tausend Euro bleibt auch ein bitterer Nachgeschmack. Firmen, denen ein solches Siegel verliehen wurde, zeigen weniger Bereitschaft, auf Kritik zu reagieren, wie eine erste Bestandsaufnahme der Initiative zeigt. Man zieht sich auf das Siegel zurück und beruft sich auf den Test. Auch wenn dieser bereits ein halbes Jahr oder mehr zurückliegt und die Seite inzwischen stark verändert wurde, wie es im Internet bei nahezu jeder Website die Regel ist.

Bei einem Test eines dynamischen Systems muss demzufolge nicht nur die Qualität des Probanden festgehalten werden, sondern auch der Zeitpunkt, zu dem die Überprüfung erfolgte. Zudem müsste in regelmäßigen Abständen geprüft werden, ob bisher geprüfte Seiten immer noch den Kriterien entsprechen, oder ob es Abweichungen gibt. Mit der drastischen Konsequenz, dass im schlimmsten Fall der Entzug des Siegels droht, denn eine Stilllegung der Seite nach dem Auto-Vorbild ist wohl weder praktikabel noch durchsetzbar.

Fazit

Barrierefreies Internet benötigt eine solide Plattform. Dazu braucht man aber Einigkeit, wie man mit der gegenwärtigen Gesetzgebung, den aktuellen Standards und den absehbaren Entwicklungen von Standards und Gesetzgebung in der Praxis umgeht. Was Barrierefreiheit im Internet nicht braucht, sind noch mehr bunte Buttons, denen es egal ist, ob die Seite, auf der sie angezeigt werden, wirklich barrierefrei ist. Denn im Zentrum aller Bemühungen stehen die Nutzer − oder zumindest sollten sie dort stehen. An ihnen muss sich das Verhalten bei der Gestaltung von Internetseiten ausrichten, so dass sich eine Leitkultur für Barrierefreiheit entwickelt. Vielleicht braucht Barrierefreies Internet dann keine Plakette. Aber wenn uns die Einzelteile, wie damals bei den Dampfmaschinen, um die Ohren fliegen und eine Selbstregulierung der Community ebenso wenig Erfolg bringt, wie die staatlichen Interventionen, dann braucht Barrierefreiheit ein Zertifizierungs-Verfahren. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass auch barrierefrei in Seiten drin steckt, auf denen barrierefrei drauf steht.

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