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Barrierefreies Web 2.0

1. Juni 2006

Was war eigentlich Web 1.0, wenn jetzt alle von Web 2.0 sprechen und schreiben? Vermutlich sind wir schon bei Web 9.4. Sehen wir es einfach pragmatsich: Web 2.0 ist eine Art Sammelbegriff für das nochmalige Aufbegehren der Neuen Medien, sozusagen der zweite Anlauf mit zum Teil neuen Technologien und alten Ideen.

Die Speerspitze bildet wohl AJAX, das mittlerweile vielen Menschen ein Begriff ist, allerdings eher, wenn man es an praktischen Beispielen, wie Google Maps festmacht. Einen echten Unterschied zu einer herkömmlichen Webanwendung wird vielen Menschen wohl auch nicht auffallen und doch schickt sich AJAX an, das Internet nachhaltig zu reformieren: Von der Auto-Vervollständigung beim Eintippen von Suchbegriffen oder der Korrektur von Tippfehlern nach dem Motto "Meinten Sie vielleicht ..." bis hin zu Google Maps und WYSIWYG-Editoren mit AJAX-Unterstützung reicht die Bandbreite der dynamischen Helferlein.

AJAX: JavaScript trifft XML 

AJAX ist die Bezeichnung für eine Technologie, die auf Basis von JavaScript und XML das Austauschen von Informationen als Teil einer bereits geladenen Internetseite ermöglicht, ohne die Seite als Ganzes neu zu laden. Dazu gehört beispielsweise das Umsortieren einer Tabelle ebenso wie die bereits beschriebene Eingabehilfe in Suchformularen und andere, noch komplexere Anwendungen.

In vielen Publikationen rund um Barrierefreies Internet und auch unter vielen Experten hat JavaScript einen eher zweifelhaften Ruf. Und auch bei AJAX ist es nicht viel anders. Allerdings schicken sich zahlreiche Webentwickler an, die JavaScript-Skeptiker Lügen zu strafen und beweisen: AJAX und Barrierefreiheit müssen sich gar nicht ausschließen. Ein positives Beispiel hierfür lieferte jüngst die Aktion Mensch, die beim 2006er Relaunch ihres Portals "Einfach für Alle" im Bereich der Suche in der Hauptnavigation auf die Kombination aus JavaScript und XML via XMLHttpRequest-Objekt setzt.

Von gestern: Probleme mit Assistiven Technologien 

Bisher galten vor allem Screenreader als problematisch, wenn es um JavaScript und Benutzbarkeit des Angebots geht. Der Blick wurde allzuoft nach hinten gerichtet und damit auf Soft- und Hardware, die mitunter nicht mehr zeitgemäß ist und neue Technologien aufgrund technischer Veränderungen nicht unterstützt. Ganz anders verhalten sich moderne Ausgabegeräte bzw. zeitgemäße Software und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass es sorgfältig programmierte AJAX-Lösungen gibt, die auch im Hinblick auf Barrierefreiheit unproblematisch sind und sogar Vorteile in der Bedienung bringen. Oder Vorteile für bestimmte Benutzergruppen, wie beispielsweise Menschen mit Lernbehinderungen, Legastheniker oder motorisch behinderte Menschen. Für diese Gruppen kann man mit AJAX durchaus respektable Verbesserungen im Detail erreichen, die auch für Otto-Normalverbraucher sinnvolle Funktionen darstellen.

Kritisch betrachten muss man AJAX aber dennoch. Die Gründe hierfür liegen in der historischen Entwicklung und der Unterstützung des XMLHttpRequest-Objekts in verschiedenen Browsern und Ausgabegeräten. Was vor mehr als 6 Jahren als proprietäre Erweiterung des Internet Explorers entstand, hat sich heute bei vielen Browser-Herstellern als fester Bestandteil etabliert. Unter den großen Browsern hadert lediglich Opera noch mit der Unterstützung des XMLHttpRequest-Objekts. Doch auch andere Browser, wie Konqueror und Safari, unterstützen bei weitem noch nicht den vollen Umfang der gebotenen Möglichkeiten, was man vor allem an aktuellen Entwicklungen merkt, die auf bestimmten Browsern nicht lauffähig sind. Ein jüngstes Beispiel hierfür ist Googles PageCreator, der lediglich mit Mozilla-Browsern und dem Internet Explorer 6 unter Windows gut zusammenarbeitet.

Für morgen: AJAX in Websites 

Das alles zeigt, dass AJAX-Anwendungen in Websites gleich zwei Hürden überwinden müssen: Akzeptanz und Unterstützung durch Hersteller von sogenannten User-Agents (Browser, Ausgabegeräte, usw.) sowie Zugänglichkeit für assistive und mobile Technologien. Mit JavaScript auf der einen Seite und ActiveX als zwingender Voraussetzung beim Internet Explorer auf der anderen Seite, zeigt sich, dass AJAX immer dann zu einem Problem wird, wo Sicherheitsrichtlinien greifen, also in Firmen-Netzwerken oder dort, wo beide Technologien nicht hinreichend unterstützt werden.

Semantik: CSS trifft HTML 

Ja, auch das ist Web 2.0, wenngleich die Wurzeln fast zu den Ursprüngen des Internet zurückreichen. Immer mehr Webentwickler bemühen sich neuerdings, Internetseiten nicht nur oberflächlich hübsch aussehen zu lassen, sondern auch unter der Haube mit strukturierenden Markup-Elementen zu versehen. Die Beweggründe dafür sind unterschiedlicher Natur, den größten Einfluss dürften jedoch Webstandard-Bewegungen weltweit haben, ebenso wie bestimmte Persönlichkeiten und namhafte Buchautoren sowie nicht zuletzt Suchmaschinen.

Spätestens seit der kürzlich veröffentlichten Google-Studie "Web Authoring Statistics" sind viele Website-Entwickler hellhörig geworden. Denn eines ist inzwischen klar geworden: Wenn Google seine Aufmerksamkeit einem bestimmten Thema widmet, dann steckt dahinter mehr als reiner Forscherdrang. Schon lange geistern Vorstellungen von Suchmaschinen, die der Semantik einer Website nachspüren, durch einschlägige Internet-Foren. Google gibt diesen Spekulationen neuen Nährboden, denn die angesprochene Studie kritisiert nicht nur die Qualität bestehender Websites, sondern bemängelt auch ganz eindeutig die unzureichende Semantik vieler Internetangebote. Angefangen bei fehlenden Überschriften-Auszeichnungen bis hin zur eindeutigen Klassifizierung von Verlinkungen reicht hier die Bandbreite und es ist anzunehmen, dass Google genau diese Möglichkeiten in Zukunft weiter ausreizen wird, um das Ranking von Suchergebnissen zu verfeinern. Schon heute verzeichnen Internetangebot mit Tag-Clouds oder verlinkten Überschriften deutlich stärkere Zugriffe aus Suchmaschinen und werden überdies häufiger nach aktuellen Inhalten durchforstet. Reiner Zufall? Kann sein. Doch strukturiertes Markup bietet noch weitere Vorteile!

Zugang für alle 

Auch Screenreader profitieren von der semantisch korrekten Auszeichnung von Websites. So können Überschriften mit Kurzbefehlen direkt angesprungen werden, was ein mühevolles Durchstöbern der Seite nach wertvollen Informationen erspart. Gleiches gilt für Tabellen, Listen und auch Verlinkungen.

Und noch eine Zielgruppe profitiert von verbesserten Strukturen: Nutzer von Mobiltelefonen und Handhelds. Viele mobile Endgeräte sind gegenwärtig nicht in der Lage, bestehende Websites vernünftig darzustellen. Das liegt gleich an mehreren Faktoren: Auf der einen Seite sind es die Ladezeiten, die dem Nutzer zu Schaffen machen. Viele Websites weisen heute eine durchschnittliche Seitengröße von mehr als 130 kB aus. Bei einer maximalen Geschwindigkeit von 56 KBit pro Sekunde im GPRS-Übertragungsverfahren dauert der Seitenaufbau rund 30 Sekunden, zumeist sind aber real nur rund 28 KBit vefügbar, so dass die Ladezeit auf gut eine Minute und mehr ansteigt. Das hängt auch davon ab, wie viele andere Teilnehmer im Netzabschnitt gerade auf GPRS zurückgreifen. In Tokio beispielsweise, wo täglich mehrere Millionen Menschen per Bahn unterwegs sind, werden mobile Navigationsangebote überproportional stark aufgerufen. Die Folge: Langsame Netze, geringe Verbindungsraten.

Auf der anderen Seite unterstützen längst nicht alle mobilen Browser die Ausgabe von Tabellen-Layouts. Positiv herauszuheben ist hier bestenfalls Opera Mini, mit dem eine ansprechende Darstellung von Websites auf kleinen Bildschirmen (Smallscreen-Rendering) möglich ist. Minimo von Mozilla schickt sich an, die Erfolge von Firefox auf mobilen Endgeräten weiterzuführen, wird jedoch bisher nur stiefmütterlich weiterentwickelt.

Semantisch aufgebaute Internetseiten aus reinem HTML und CSS hingegen werden von allen mobilen Endgeräten unterstützt. Der Verzicht auf Layout-Tabellen und die strikte Trennung von Inhalt und Design führen zu geringeren Dateigrößen und damit zu kurzen Ladezeiten. So brauchen standardkonform erstellte Websites nur rund die Hälfte der Ladezeit einer herkömmlichen Website. Das macht sich bei DSL-Verbindungen vielleicht nicht direkt bemerkbar - im mobilen Alltag ist es ein echter Vorteil.

Fazit 

In einer mobilen Gesellschaft, die gerade GPRS verabschiedet und UMTS willkommen heißt, werden die Unterstützung von HTML und CSS sowie die Trennung von Inhalt und Gestaltung immer wichtiger. Mobiltelefone, Navigationsgeräte, PDAs und iPods (sowie dessen Verwandtschaft) bilden neue Herausforderungen für Webentwickler. Die Frage lautet nicht mehr, ob 800*600 Pixel oder 1024*768 Pixel die bessere Bildschirmauflösung ist oder ob ein Nutzer nun Internet Explorer oder Firefox einsetzt. Eine Website muss sich flexibel den Anforderungen der Nutzer anpassen können und genau hier liegt das Horror-Szenario von Produktmanagern, Designern und Marketing-Abteilungen: Web 2.0 gibt dem Benutzer mehr Kontrolle über die Inhalte und deren Darstellung. Diese neue Freiheit ist nicht jedermanns Sache und muss neu erlernt und hart erarbeitet werden, bietet dann aber auch völlig neue Möglichkeiten, die es zu entdecken und nutzen gilt.

Web 2.0 ist die Medizin für akute Versionitis: Keine 20 Versionen einer Website für eine endliche Anzahl an Ausgabegeräten, sondern eine Lösung für alle Ausgabemöglichkeiten, ob Browser, Mobiltelefon oder Screenreader

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