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Barrierefreies Internet, BIENE-Award, und Torschlusspanik

11. August 2004

Die Entwicklung im Bereich der barrierefreien Informationstechnik geht zwar gemächlich von statten, aber es tut sich was. Der Abgabetermin für den zweiten BIENE-Award ist gerade verstrichen und mit insgesamt 230 Einreichungen konnte der diesjährige Award einen Beteiligungszuwachs von 30 Prozent verzeichnen. So lassen zumindest die Veranstalter verlauten, die sich von der Zahl der Einreichungen auch durchaus erfreut zeigten.

Diese Freude können wir vom Barrierekompass nicht ganz teilen. Zwar sind die Anforderungen an die eingereichten Arbeiten in diesem Jahr höher als im letzten Jahr, aber eine Abschreckung auf breiter Ebene dürften diese nicht dargestellt haben. Und wenn doch, sollten die Veranstalter sich ernsthafte Gedanken machen, denn ein Wettbewerb, in dem keiner zum Vergleich antritt ist wertlos.

Nun gut, 230 Arbeiten wurden eingereicht. Im letzten Jahr waren es etwas mehr als 170. Ausgehend von der Annahme, dass fast 100 Prozent der letztjährigen Arbeiten nochmal eingereicht wurden, bleiben noch 70 Neueinreichungen. Diese wurden wahrscheinlich zu einem großen Teil von Einreichern des letzten Jahres produziert und zusätzlich eingereicht. Insofern wäre es interessant zu erfahren, wieviele neue Agenturen sich mit dem Thema Barrierefreies Internet auseinandergesetzt und Ihre Ergebnisse zum BIENE-Award angemeldet haben. Zahlen sind immer relativ und von einer Akzeptanz auf breiter Ebene zu sprechen, wie es die Stiftung Digitale Chancen tut, scheint uns etwas verfrüht.

Barrierefreies Internet in Zahlen 

Dass die Barrierefreie Informationstechnik mittlerweile auf dem richtigen Weg ist, möchten wir aber nicht bestreiten. Und Zahlen sind ja nicht immer schlecht. So meldete das AbI-Projekt kürzlich zum zweijärigen bestehen der BITV - diese verpflichtet alle Bundesbehörden, ihre Informationen schrittweise barrierefrei bis Ende 2005 anzubieten - durchaus positive Zahlen. Demnach steigt das Interesse am Thema Barrierefreies Web-Design weiterhin an - was man auch so stehen lassen kann. Folgende Zahlen hat das Aktionsbündnis veröffentlich:

Die 42 Organisationen, die sich dem Aktionsbündnis bisher angeschlossen haben, führten im Laufe des letzten Jahres insgesamt mehr als 1.200 Beratungen und 900 Website-Tests durch. Über 8.000 Teilnehmer besuchten die ebenfalls angebotenen 120 Informationsveranstaltungen und 94 Schulungen. Außerdem verzeichnen die Mitglieder, Partner und Unterstützer viele Zugriffe auf Ihre Web-Angebote (...). Über die Internetangebote sind zahlreiche Artikel zum Thema erreichbar, wie das vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik herausgegebene Modul "Barrierefreies E-Government", an dessen Erstellung AbI-Mitglieder beteiligt waren. Dieses Modul ist seit Veröffentlichung im Dezember 2003 circa 20.000 mal heruntergeladen worden. Über 5.100 mal wurde die vom AbI herausgegebene deutsche Version des Test- und Korrekturwerkzeug A-Prompt über Internet und CD weitergegeben. 

Vielleicht finden sich in diesen Zahlen auch Agenturen und Multimedia-Dienstleister, die das Thema Barrierefreiheit erkannt und Ihr Portfolio eingebaut haben - vor allem unter den Aspekten Zielgruppe 50plus, Suchmaschinenoptimierung und Qualitätssicherung. Das Engagement des ehemaligen dmmv in diesem Bereich zeigt zumindest, dass die Entwicklung langsam auch die Basis erreicht.

Städte und Gemeinden - erste Zeichen von Torschlusspanik 

Diese vorsichtig positive Entwicklung, sowie das langsam wachsende öffentliche Interesse am Thema barrierefreies Internet spiegelt aber paradoxerweise vor allem die Pressemeldung vom Städte- und Gemeindebund NRW mit Sitz in Düsseldorf wider. In der Mitteilung vom 28.07.2004 mit dem Titel "Behindertenfreundliches Internet ja - aber richtig" kritisiert der Verbund eine angebliche Überregulierung durch die NRW-Landes-Verordnung, die der Bundesverordnung weitesgehend entspricht. Laut Pressemitteilung des Städte- und Gemeindebund Nordrhein Westfalen liest sich das so:

Der Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen begrüßt das Ansinnen, kommunale Internet-Präsentationen und sonstige online-Angebote behindertengerecht zu gestalten. (...) Jedoch schieß(t) die gesetzliche Umsetzung (...) übers Ziel hinaus und wirk(t) geradezu kontraproduktiv. Nach der Verordnung müssen ab September 2004 die Internet-Angebote der öffentlichen Verwaltungen in NRW im strengen Sinne barrierefrei sein. (...) Unter dieses Gebot zur Umgestaltung fallen nicht nur die Internet-Präsentationen, sondern auch Intranet-Angebote sowie die zur Verfügung gestellten Programmoberflächen einschließlich öffentlich zugänglicher Informations-Terminals und Datenträger (CD und DVD). (...) Handwerkliche Schwächen und Fehler erschweren die Umsetzung der Verordnung. (...) Daher hätte man besser den Betreibern der Homepages vertraut. (...)

Die Internet-Angebote der Städte und Gemeinden sind eine freiwillige Leistung (...). Neue Internet-Seiten im Sinne der Verordnung vollständig barrierefrei zu gestalten, verursache(n) zusätzlichen Programmier-Aufwand und hohe Kosten. Dies (wird) wohl dazu führen, dass Kommunen ihr Angebot mangels Geld zunächst nicht mehr vergrößerten (...) und Gemeinden aus Geldmangel ihre Internet-Präsentation notgedrungen reduzieren. Damit würden die Vorteile des Internets (...) für Behinderte wie Nichtbehinderte gleichermaßen zunichte gemacht(...).

Der Vormarsch von e-Government im Kontakt zwischen Kommune und Bürgern (ist) kein Argument für einen vollständig barrierefreien - und somit teuren - Umbau der Internet-Präsentationen. Sämtliche Verwaltungsleistungen, die man irgendwann einmal online abrufen kann, werden auch weiterhin in den Rathäusern angeboten (...). Im persönlichen Kontakt (ist) Behinderten bei ihrem Bemühen, Information zu erhalten, oft besser zu helfen als mittels eines Computer-Browsers.

Herrlich, das ist Humor. Es gibt übrigens genug Stimmen, die sagen, dass gerade behinderte Menschen das Internet intensiv nutzen. Insofern, wenn die alles von zuhause regeln können, ist doch allen geholfen. Dann brauchen wir auch keine Rollstuhlrampen und behindertengerechten Aufzüge mehr. Vielleicht ist das ja ein Aufhänger für die nächste Pressemitteilung des Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen. Für Anregungen und Rückfragen steht Ihnen übrigens Herr Martin Lehrer, verantwortlicher Pressesprecher, gerne zur Verfügung. Er kann dann sicherlich erklären, was sich der Städte- und Gemeindebund NRW bei seiner Pressemeldung gedacht hat. Wir vom Barrierekompass gehen einfach mal davon aus, dass einige Städte, Kommunen und Gemeinden Torschlusspanik bekommen haben. Irgenwie erinnert das an alte Schulzeiten: Hausaufgaben nicht gemacht.

Spass beiseite: letztendlich kann man die Pressemitteilung auch positiv bewerten. Denn offensichtlich hat man jetzt erkannt, dass es ernst wird. Und vor allem zeigt es, dass das öffentliche Interesse und somit der Druck wächst - und Ignorieren nicht mehr weiterhilft.

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