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Barrierefrei, barrierearm, accessible oder einfach benutzerfreundlich?

29. März 2005

Kürzlich veröffentlichte Ralph Segert den Artikel "Zur Esoterik der Barrierefreiheit", der auch bei uns noch einmal die Diskussion über bestehende Begrifflichkeiten rund um die Barrierefreie Informationstechnik entfacht hat. Eine Diskussion, die englischsprachige Streiter für Barrierefreiheit kaum kennen dürften: Der etablierte Begriff Accessibility, beziehungsweise die große Schwester Usability sind international über jeden Zweifel erhaben. Nur für den deutschsprachigen Raum taugt zumindest der Begriff Accessibility wenig, da Accessibility - also Zugänglichkeit - auch den einfachen Zugang zur Sprache beinhaltet. Verständlicherweise sollte der Begriff (Accessibility) nicht schon sich selbst, beziehungsweise sein Anliegen dadurch in Frage stellen, dass er von vielen nicht verstanden wird. Das Problem hat der Begriff Usability, der sich auch hierzulande durchsetzen konnte, nicht.

Wenn nicht Accessibility, was dann?

Wenn also aus oben genanntem Grund der Begriff Accessibility ausscheidet, was bietet sich dann an? Barrierefreiheit zum Beispiel. Barrierefreiheit ist ein mittlerweile etablierter Begriff, der branchenübergreifend für Bemühungen um Teilhabe und Zugang für alle Menschen steht, sei es nun im Baugewerbe, in der Architektur, oder im Bereich der Informationstechnik.

Nun hat der der Begriff Barrierefreiheit durchaus seine Grenzen. So ist bei segert.net zu lesen:

Die Wortwahl Barrierefreiheit ist wohl einem deutschen Gründlichkeitswahn entsprungen, der - gestützt durch staatliche Verordnungen - nach statischen und eindeutigen Zuständen strebt, die es in einer extrem dynamischen Welt, wie die des Internets nicht geben kann. Konsequent zu Ende gedacht wäre eine echte barrierefreie Website selbst gegen einen ausfallenden Monitor gewappnet. Was andeutet, dass allein die zahlreichen technischen Unzulänglichkeiten nur dann kompensiert werden könnten, wenn man ganz stark und unnachgiebig an die Endlichkeit der Unendlichkeit glauben würde.

Schöner kann man die Schwachstellen des Begriffs sicherlich nicht ausdrücken. Hinzuzufügen sei vielleicht, dass Barrierfreiheit immer auch mit "designbefreit" und "behindertengerecht" gleich gesetzt wird. Letzteres zeichnet in einer älter und heterogener werdenden Gesellschaft ein ziemlich eindimensionales Bild von der barrierefreien Informationstechnologie.

Allerdings hat der Begriff Barrierefreiheit - in seiner Ableitung "Barrierefreies Webdesign" beziehungsweise "Barrierefreie Informationstechnik" - auch unbestreitbare Vorteile. Der Begriff ist bekannt, beziehungsweise er wird immer bekannter und somit auch populärer. Und wenn Barrierefreiheit nicht nur ein Schattendasein im Elfenbeinturm der Spezialisten und Gralshüter führen soll, hat dieser Vorteil ein enormes Gewicht.

Natürlich zieht ein populärer Begriff auch immer Profiteure an, denen es um die "schnelle Mark" geht. Aber das kann ja nicht dazu führen, dass man sich von einem Begriff distanziert, der gerade dabei ist, seine Macht zu entfalten. Barrierefreiheit nützt nur dann der Allgemeinheit, wenn sie umgesetzt wird. Und die Umsetzung der Barrierefreiheit folgt den Regeln von "Angebot und Nachfrage". Und wenn es keine Nachfrage gibt, dann muss man dafür sorgen, dass nach Nachfrage entsteht. Das wiederum schafft man sicherlich nicht, wenn man sich von einem Begriff, der gerade anfängt sich durchzusetzen, wieder distanziert. Auch dann nicht, wenn man sich von Trittbrettfahrern und Scharlatanen distanzieren will.

Barrierearmut statt Barrierefreiheit?

Die Diskussion hat bei einigen Vordenkern dazu geführt, statt von Barrierefreiheit von Barrierearmut zu sprechen. Mehr als ein Schmunzeln bleibt dafür nicht übrig. Tomas Caspers, unter anderem bekannt durch Einfach für Alle, drückt es so aus:

Das Problem dabei ist ja, den Begriff einerseits positiv zu besetzen und andererseits dabei noch sachlich und fachlich korrekt zu bleiben. Klar, Barrierefrei impliziert einen Zustand, von dem die Esoteriker mittlerweile wissen daß es ihn nicht geben kann. Barrierearm (...) wirbt gleich mit zwei negativ besetzten Teilen: Barrieren = böse und arm = verpönt.

Mehr muss man dazu sicherlich nicht sagen - außer: In einem Fahrradgeschäft werden Fahrräder des Typs "Mountainbike" ebenso für den gelegentlichen Sonntagsradler angeboten, wie für den Hobby-Offroader und den Profi-Downhill-Fahrer. Soll heißen: 99 Prozent aller verkauften Mountainbikes haben niemals einen Berg gesehen, noch würden sie eine Downhill-Fahrt überstehen. Trotzdem heißen sie Mountainbikes. Und auch hier gibt es sicherlich ein paar Experten, die niemals behaupten würden, dass es sich bei den Massenmarkt-Fahrrädern tatsächlich um Mountainbikes handelt. Es käme wohl niemand auf die Idee, ein solches Fahrrad "Hügelchenfahrrad" zu nennen, nur weil es korrekter wäre.

Deutscher Gründlichkeitswahn

Wenn die "Wortwahl Barrierefreiheit (...) einem deutschen Gründlichkeitswahn entsprungen" ist, dann ist es die Debatte um die korrekte Bezeichnung ebenfalls. Und wer über Barrierefreiheit jetzt von Barrierearmut spricht, führt sich mit deutschem Gründlichkeitswahn selbst ad Absurdum. Lasst uns einfach weiter Barrierefreiheit verkaufen, und in Verkaufsgesprächen darauf hinweisen, dass 100 prozentige Barrierefreiheit per Definition unmöglich ist. Dann ist allen geholfen. Im übrigen den Umkehrschluss zu ziehen, dass in Zukunft alle, die von Barrierefreiheit sprechen nicht mehr "zu den seriösen Förderern, Theoretikern und Praktikern des barrierearmen Webdesigns" zählen, ist - vorsichtig ausgedrückt - zweifelhaft.

Kein Ersatz, aber ein Zusatz

Um die Begriffvielfalt noch zu steigern, möchten wir die gängigen, aber teilweise etwas umgangssprachlichen, Experten-Ausdrücke wie "kalorienreduziert, "praktisch grätenfrei" und "standardkonform" nicht unerwähnt lassen. Ersatz bieten diese sicherlich auch nicht.

Nicht als Ersatz, aber vielleicht als brauchbaren Zusatz würden wir gerne den Begriff der "Benutzerfreundlichkeit" ins Spiel bringen. Zwar wurde hiermit in der Vergangenheit der Begriff Usability übesetzt, aber da Usability als Eigenwort - auch in Deutschland - eigentlich viel gebräuchlicher ist, steht der Begriff Benutzerfreundlichkeit noch immer recht unbeansprucht im Raum.

Benutzerfreundlichkeit - ein Begriff mit vielen Vorteilen

Die Wortkombination aus Benutzer und Freundlichkeit, ist grundweg positiv besetzt. Sie stellt den Benutzer (auch die Benutzerin) eindeutig in den Vordergrund. Dabei wird keine Aussage darüber getroffen, über welche Fähigkeiten und technischen Rahmenbedingungen der Benutzer verfügt. Benutzerfreundlichkeit bedeutet einfach für alle, eben Benutzerfreundlichkeit für alle. Wer das schafft, der hat vermutlich mehr für Barrierefreiheit getan, als jede Wortspalterei es je tun kann.

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