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Surfen ohne Monitor

6. Januar 2005

Ohne Monitor ins Internet - das ist für viele Menschen eine unvorstellbare und in Gedanken zunächst unüberwindbare Hürde. Für blinde Menschen ist es der Alltag im Umgang mit dem Computer. Wer Barrierefreies Webdesign ernst nimmt, der hat sicherlich schon das ein oder andere Mal mit einem Screenreader auf seine Seiten geschaut. Und dabei mit den Augen mitgelesen, was der Screenreader so tut. Das entspricht nur leider nicht ganz den Voraussetzungen, die man schaffen sollte, um eine Internetseite "blind" zu erleben. Was liegt also näher, als sich das Surfen ohne Monitor von Menschen erklären zu lassen, die im Umgang mit Screenreadern durch den alltäglichen Einsatz versiert sind, um uns über die ersten Stolpersteine hinwegzuhelfen?!

Empfehlungen zu Beginn

Den Monitor bei laufendem PC auszuschalten ist ein Schritt, der gut vorbereitet sein sollte. Empfehlenswert ist es daher, eine sehr vertraute Seite für den Start auszuwählen, auf der man sich in- und auswendig auskennt - und das nicht nur hinsichtlich des optischen Erscheinungsbildes.

Starten wir also eine kleine Abenteuerreise in eine Welt ohne visuelle Eindrücke. Mit dem Ausschalten des Monitors wird der für die meisten Menschen wohl wichtigste Sinn ebenfalls abgeklemmt und man muss sich auf alle anderen Sinne verlassen. Vor allem auf das Hören. Am Besten sorgen Sie dafür, dass Sie die nötige Ruhe haben - sowohl zeitlich als auch im Umfeld.

Ihre Reise-Unterlagen

Was Sie wirklich brauchen, um diese Abenteuerreise mit uns zu unternehmen, sind die folgenden Dinge:

  1. einen Screenreader, zum Beispiel eine Demo-Version von Jaws

  2. einen ausgeschalteten Monitor

  3. eine Ihnen nicht nur optisch, sondern in ihrer Struktur bestens bekannte Website

  4. ein selbst gestecktes Ziel auf dieser Website

  5. Ruhe, Geduld und Zeit

Haben Sie alle Unterlagen zur Hand? Dann kann das Abenteuer beginnen. Nicht nur auf der eigenen Website, auch auf Seiten, deren Autoren sich redlich Mühe geben, kann das Surfen ohne Monitor Freude machen - wie die echten Abenteuer des Lebens. Und wie bei jedem Abenteuer stellen sich Spannung und ein kleiner Nervenkitzel sicher ein.

Regel 1: Die Technik macht's

Genau wie andere Werkzeuge auch, erfordert ein Screenreader eine komplette Umstellung der Arbeitstechnik und damit auch ein anderes Denkmodell, um sich eine Seite zu erschließen.

Wer damit gar nicht oder nur schwer klar kommt, der hat nicht unbedingt den falschen Screenreader oder eine schlechte Seite vor sich. Und an seinen eigenen Fähigkeiten sollte man auch nicht gleich zweifeln. Das Surfen ohne Monitor ist nun einmal ein Reise-Abenteuer in ein unbekanntes Land!

Eventuell ist es auch einfach der falsche Tag und ungünstiges "Reisewetter". Nehmen Sie sich Zeit und versuchen Sie nicht, eine derart neue Arbeitstechnik zwischen Tür und Angel zu erlernen. Nur mit viel Geduld werden Sie aus dem Abenteuer auch eine schöne und erlebnisreiche Reise gestalten können. Ohne zu schummeln, sprich: ohne den Monitor zwischendurch einzuschalten und die Orientierung zu verbessern.

Regel 2: Keine Erwartungen haben

Wer schon eine optische Vorstellung einer Seite hat - bei der eigenen Seite ist dies sicherlich der Fall - und erwartet, diese durch einen Screenreader eins zu eins abgebildet zu bekommen, erlebt möglicherweise eine Enttäuschung. Wie unter Regelpunkt 1 schon angedeutet, erschließt man sich den Inhalt mit einem Screenreader nicht durch den Überblick (das Gesamtbild) und leitet von diesem Gesamtbild dann die nächste Aktion ab, sondern man geht den umgekehrten Weg. Man erhält punktuelle "Einzelinformationen" und versucht daraus - wie bei einem Puzzle - Rückschlüsse auf das Gesamtkonzept zu ziehen. Das liegt vor allem in der linearisierten Darstellungsweise begründet, die ein Screenreader von der Website erzeugt. Genau diese Linearisierung erfordert eine gewisse Übung.

Regel 3: Den Faden aufnehmen

Anders gesagt: Packen Sie den Stier bei den Hörnern, also die Seite an ihrer Struktur. Denn die kennen Sie ja. Stürzen Sie sich auf Überschriften, Listen, Absätze oder Formulare, um den Screenreader so richtig zu fordern, denn das Programm kann all diese Elemente gezielt ansteuern. Aber rufen Sie sich ins Gedächtnis, dass der blinde Anwender, genau wie andere Benutzer auch, oft nichts über diese Elemente weiß. Versuchen Sie es also auch mit dem automatischen Vorlesen oder mit der Link-Liste.

Regel 4: Keine voreiligen Schlüsse ...

Wir möchten davor warnen, eine Seite auf denjenigen Screenreader (oder überhaupt auf Screenreader) zu optimieren, den man gerade verwendet. Das ist ähnlich, wie bereits bei den einschlägig bekannten Browsern, denn für ein einzelnes Ausgabegerät zu optimieren, ist stets kontraproduktiv und nicht im Sinne eines "Design for all", dem wir uns hier von einer anderen Seite nähern möchten. Wie gesagt: Screenreader optimiert ist nicht gleichzusetzen mit "für alle zugänglich".

Der andere Weg

Es kann für den Webdesigner, der wirklich ohne Bildschirm surfen lernen will, auch ein erfolgreiches Abenteuer sein, eine noch unbekannte barrierefreie Seite mit dem Screenreader anzusurfen. So kann man bei (späterer) optischer Analyse am besten feststellen, ob die strukturell gesetzten Schwerpunkte (Überschriften, Listen usw.) besser, schlechter oder optisch und akustisch annähernd gleichwertig sind. Zudem erhält man eine präzise Vorstellung, die bei der Erstellung der richtigen HTML-Codierung sehr wertvoll sein kann. Zumindest dann, wenn man sie in Einklang mit einem erstrebenswerten "Design for all" bringt. Die Inhalte zweier Container mögen optisch noch so deutlich voneinander abgesetzt sein - wenn sie kein Markup enthalten, wird der Screenreader den Übergang nicht erkennen und ignorieren.

Noch ein paar Tipps

Weg mit der Maus und ran an die Tastatur! Damit hatten Sie spontan nicht gerechnet, oder? Ist der Monitor einmal ausgeschaltet, hilft Ihnen die Maus nicht mehr weiter. Damit Sie nicht gänzlich verloren sind, haben wir noch ein paar wertvolle Tastenkombinationen für die "Reise" zusammengestellt. Mit der Umschalt-Taste (Shift) funktionieren die meisten Befehle rückwärts.

  • TAB = nächster Link

  • V = nächster besuchter Link

  • EINFG + F7 = Aufruf der Linkliste

  • H = springt zur nächsten Überschrift jedweder Ebene

  • 1 - 6 = springt zu den Überschriftenebenen 1 - 6

  • EINFG + F6 = Aufruf der Überschriften-Liste

  • N = Links überspringen (landet beim nächsten Text)

  • F = zum nächsten Formular

  • EINFG + F = Formularfelder auflisten

  • L = zur nächsten Liste springen

  • E = hinter das Element springen

  • S = zum nächsten Element gleichen Typs springen

  • F3 = Zeichenkette suchen

  • EINFG + V = Ausführlichkeitsdialog aufrufen

  • EINFG + DOWN = Automatisches Vorlesen starten

Aber damit lassen wir Sie jetzt allein. Schließlich müssen Sie sich all diese Kombinationen merken, um sich ganz auf die Webseite konzentrieren zu können. Die Bedienung ist nicht ganz so intuitiv wie mit der Maus, nicht wahr - aber wesentlich zielsicherer! Wenn Sie noch mehr Informationen zum Surfen mit einem Screenreader suchen, dann empfehlen wir Ihnen die Einführung in die Navigationstechnik von Jaws.

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