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Wer (be)suchet, der findet?

5. November 2004

Heute ist Suchtag im globalen Dorf. Er beginnt in einem kleinen schwäbischen Ort. Dort besuchen mein Partner und ich einen uns zunächst unbekannten, etwa 45 Jahre alten Mann, um mit ihm eine vermeintlich barrierefreie Internetseite zu testen. Dies gestaltet sich zunächst etwas hürdenreich. Wir finden sein Haus nicht. Aber ehe wir unnötig lange über die Unzulänglichkeit ländlicher Zufahrtswege oder über die Orientierungslosigkeit von Accessibility-Entwicklern im realen Leben grübeln, verkürzen wir das: wir fragen einen Ortskundigen, der uns den Weg weist.

Der etwas andere Gutachter

Angekommen wollen wir unsere Internetseite von einem Mann, für den sie nicht zuletzt gemacht wurde, auf ihre tatsächliche Barrierefreiheit testen lassen. Robert ist seit einem Motorradunfall nicht nur Rollstuhlfahrer (einschließlich starker motorischer Behinderung der Arme), sondern er ist auch blind und vom Schicksal mit einem fast kompletten Sprachverlust bedacht. Auch erfahren wir, dass er einen eher lahmen Windows98-Rechner samt veraltetem Screenreader (JAWS 3.7), Braillezeile und -tastatur sowie ein Einkanalmodem als Zugangstechnik ins Internet benutzt. Ebenso sagt er uns, dass er sehr selten im Internet unterwegs ist, weil die meisten Angebote für ihn nicht bedienbar sind. Alles in allem also harte Bedingungen für einen Barrierefreiheits-Test. Das treibt mir durchaus den Schweiß des Zweifels auf die Stirn, ob wir Entwickler überhaupt in der Lage sind, Internetauftritte zu erstellen, die auch von Benutzern mit solchen Einschränkungen bedienbar sind.

Die erste Barriere sind wir selbst, weil wir weder mit dem Mundwerk noch mit den Händen an uns halten können, um Robert für unsere Mission "Barrierefreiheit" zu begeistern. Aber trotz seiner Sprechprobleme weist er uns in die Schranken und wir lernen, ihm nicht dazwischen zu reden. Wir sind eben alle etwas aufgeregt.

Spring ins Feld

Robert stellt sich seine Aufgabe selbst: er will uns über unser Kontaktformular eine Nachricht schicken. Eigentlich kein Wunder, bedenkt man seine Lebenssituation und fragt sich, wo den nun die wesentlichen Vorteile des Internets liegen könnten. Er geht sein Ziel an und beginnt auf der Startseite mit der Tabulator-Taste zu navigieren. Er gelangt zunächst an die Sprungmarken zu Beginn des Dokuments. Trotz ihrer Eindeutigkeit nutzt er sie zunächst nicht. Offensichtlich ist so etwas neu für ihn und er tabbt weiter. Es ist eben auch vom Benutzer − Behinderung hin oder her − auf den meisten Seiten etwas Lernaufwand gefordert. Ich bin mir sicher: "Beim nächsten oder übernächsten Mal wird er die Sprungmarken gerne nutzen, falls er sie benötigt." Als nächstes kommt er auf den Kompass, innerhalb unserer Seite ein Navigationsbereich mit Orientierungshilfen. Dort bieten wir zunächst drei Links an: Tipps, Glossar und Übersicht. Hier kommt schon mal ein eigenartiges Phänomen zum tragen: Er bekommt die Linknamen gar nicht vorgelesen, sondern die Texte, die wir in das title-Attribut eingegeben haben. Offensichtlich ist sein Screenreader so eingestellt, dass er die Linknamen nicht vorliest, wenn das title-Attribut eingesetzt wird. Absicht erscheint mir unwahrscheinlich, denn ein unerfahrener Benutzer ist weder im Bilde über die Existenz des title-Attributs oder gar dessen (Un-)Sinn, noch ist er besonders geschult in der Konfiguration von Vorlesegeräten.

Nächste Station: er gelangt auf das Suchformular − zu seiner Freude. Er gibt "Kontakt" ein und löst die Suche aus. Das Formular erweist sich als gut bedienbar − zu unserer Freude.

Eine Maschine ist eine Maschine ist eine Maschine

Doch ein Blick auf seinen Monitor ernüchtert uns. Er erhält 5 Suchergebnisse, doch das Kontaktformular selbst ist nicht darunter. Meine Schweißtropfen perlen wieder. "Wie kann das passieren?", frage ich mich und die Gründe schießen mir sofort in den Kopf: der eine liegt in der Redaktion. Als wortambitionierte Kreativdienstleister haben wir vermieden, das Wort "Kontakt" im Inhaltsbereich zu verwenden. Schließlich will man seine Leser nicht langweilen und bemüht sich stellenweise durch bildliche Ausdrücke wie "Ihr Draht zu uns" oder "So können Sie uns direkt und unkompliziert erreichen". Nun spricht hier nicht unbedingt etwas dagegen, doch der zweite Grund für die Nicht-Auflistung bricht dem Wunsch das Genick. Die Suchfunktion greift in der Datenbank unseres Content Management Systems nur auf die Tabellenspalte zu, in der die Inhalte abgelegt sind, nicht aber auf jene mit den Linkbezeichnungen des Navigationsmenüs. Die Folge: Robert verliert sich in den nutzlosen Ergebnissen, so dass wir helfend eingreifen müssen. Wir gehen zurück auf die Startseite und er tabbt sich nun solange durch, bis er auf den Kontakt-Link kommt und das dazugehörige Formular vorfindet.

Nenne mir Deinen Namen und ich sage Dir, wie Du heißt

Die Formularfunktionen sind, wie erwartet, gut nutzbar, doch schon kommt ein weiterer Nackenschlag: Er kommt auf das Eingabefeld "Name" und beginnt zu zögern. Man sieht ihm förmlich an, wie er sich fragt: "Name? Welcher denn? Nachname? Vorname? Vor- und Nachname? Benutzername?". Er lässt dieses Feld aus, als nächstes kommt "Vorname". Nun ist es eindeutig. Name kann nur Nachname bedeuten. Er muss zurück navigieren, um seinen Nachnamen eingeben zu können. Hier kommt seine motorische Behinderung noch mehr ins Spiel. Denn zum Zurücktabben benötigt man die gleichzeitige Kombination von zwei Tasten, die ihm sehr schwer fällt. Es dauert etwa eineinhalb bis zwei Minuten, bis er seinen Nachnamen eingegeben hat. Das Ausfüllen der restlichen Eingabefelder funktioniert gut, Robert sendet seine Botschaft und wir haben es alle trotz der Schwierigkeiten als Erfolg empfunden.

Back to the root

Wir verlassen als Gewinner von Einsichten das Dorf. Auf der Rückfahrt mache ich mir so meine Gedanken. "Manche Dinge wird man als Nicht-Betroffener nie aus der puren Vorstellung entwicklen können", oder: "Solche Begegnungen jenseits aller fachlichen und wissenschaftlichen Methoden sind eigentlich von unschätzbarem Wert", schwirrt mir durch den Kopf. Wieder im Büro, mache ich mir eine kleine Mind Map:

  • Die Anordnung von Navigationsmenüs und Links auf einer Website erneut hinterfragen.

  • Bei Gelegenheit mit Kollegen, Kunden und Benutzern über die Realisierbarkeit einer einheitlichen und verständlichen Wortwahl für Sprungmarken, Navigationsbereiche, Linknamen und ähnliche Elemente diskutieren.

  • title-Attribut nur einsetzen, wenn es nicht anders geht. Besser: Linknamen möglichst eindeutig benennen.

  • Suchfunktion optimieren: auch Linknamen, Seitentitel oder ähnliches abfragen, die Suchergebnisse nach Bedeutungsrelevanz hierarchisieren und eine Sortierfunktion anbieten

  • die rhetorische Gestaltung von Inhalten auch in Anbetracht der Linearität auf Eindeutigkeit überprüfen

Bezüglich Sprache kann man lernen. Wegen der Maschinen interessiert mich, ob ich Content Management Systeme finde, welche die Anforderungen obiger Einsichten (und natürlich noch mehr) erfüllen. Mit frischem Zweifelsschweiß auf der Stirn beginne ich meine Suche bei Google.

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