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Virtuelle Arbeitsagentur - ein kostenloser Test auf Barrierefreiheit

5. Dezember 2003

Das Online-Portal Heise titelt am 02.12.2003 mit folgender Schlagzeile: "Virtuelle Arbeitsagentur erntet heftige Kritik. Auch am Tag nach der Eröffnung der virtuellen Arbeitsagentur der Bundesanstalt für Arbeit läuft das System noch nicht ganz rund."

Liest man weiter, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. 15 Millionen Euro hat die erste Stufe des neuen Webauftritts bisher gekostet. Weitere 48 Millionen sollen in die zweite Stufe fließen. Insgesamt werden Kosten in Höhe von 77 Millionen Euro erwartet. Allerdings sind in diesem Preis, neben der neuen Software, auch die Schulung der 35.000 Mitarbeiter in den bundesweit 180 Arbeitsämtern und die Migration von über zwei Milliarden Datensätzen inbegriffen. Und das Ganze ist nach Aussage von Herrn Jürgen Koch, verantwortlicher Projektleiter des Arbeitsamtes, sogar barrierefrei. Nun könnte man zwar behaupten, dass man das für den Betrag wohl auch verlangen kann, aber eine wirklich barrierefreie Jobbörse im Internet wäre trotzdem eine gute Nachricht.

Nachdem also die Virtuelle Arbeitsagentur bisher von allen Seiten offensichtlich herbe Kritik einstecken musste, bietet der Aspekt der barrierefreien Zugänglichkeit vielleicht einen Ansatz, um Lob loszuwerden. Vielleicht hat die Bundesanstalt für Arbeit mit ihrer virtuellen Arbeitsagentur ja Maßstäbe gesetzt. Um das herauszufinden haben wir die Seite www.arbeitsagentur.de mal auf Barrierefreiheit getestet.

Vorneweg: das neue Portal der Bundesanstalt für Arbeit ist alles, aber nicht barrierefrei. Unsere Überprüfung der Seite erfolgte zunächst unter Zugrundelegung der W3C-Standards für HTML und CSS. Die gängigen HTML- und CSS-Validatoren konnten mit den Dokumenten gar nichts anfangen. Valider Code? Fehlanzeige. Danach haben wir versucht, die Seite der Arbeitsagentur in Lynx zu öffnen, was aber auch nicht gelingen wollte. Auf der Suche nach der versprochenen Barrierefreiheit haben wir uns dann die Mühe gemacht, die Seiten manuell zu durchforsten, was in Anbetracht der fehlgeschlagenen Validierung der Seite eigentlich nur noch Punkte für die B-Note bringen konnte.

Da wir aber nicht beim Eiskunstlaufen sind, bestätigte die nähere Untersuchung das, was zu erwarten war. In Punkto Barrierefreiheit ist die neue Online-Jobbörse ein Desaster, und Herr Jürgen Koch hat gut daran getan, seine Aussage nur in einem Nebensatz fallen zu lassen.

Denn abgesehen davon, dass die Seite nicht validiert, wurde bei der Umsetzung so ziemlich jeder Fehler gemacht, den man machen kann. So sind zum Beispiel nicht alle Bilder der überprüften Seite mit Alternativ-Texten ausgestattet. Einen Alternativ-Text oder gar eine ausführliche Beschreibung von erklärungsbedürftigen Inhalten, die so genannte "Long Description", wurde noch nicht einmal für Bea vergeben. Dabei ist Bea die virtuelle Beraterin der Seite und somit eine Art Hilfefunktion. Offensichtlich aber nicht für die, die es am nötigsten haben. Alternativ-Texte gehören zum kleinen Einmaleins einer barrierefreien Seite. Das gilt auch für Bea.

Es kommt aber noch schlimmer. Nicht nur, dass viele Links in Pop-Ups geöffnet werden. Die meisten dieser Links enthalten auch noch die Information: "Link will open in same window", also dem Hinweis, dass der Link im gleichen Fenster geöffnet würde. Dummerweise gilt das auch für Bea, der freundlichen Dame, die uns die neue Arbeitsagentur doch eigentlich erklären soll. Zugegeben, beim Durchschnittsbürger klappt das auch. Und wie es sich gehört natürlich in Flash. Ein ansehnliches Flashfilmchen beschreibt den neuen Internetauftritt und was er alles kann. Und Bea macht dazu ab und an auch eine nette Geste. Allerdings keine Gebärdensprache, wie man vielleicht vermuten könnte. Aber wenigstens erzählt Bea, was der neue Internetauftritt der Bundesanstalt für Arbeit so alles kann. Das Ganze unterlegt mit schönen Grafiken und Schaubildern. Ob Menschen, die keinen Zugang zu diesen hilfreichen visuellen Elementen haben, Beas Ausführungen trotzdem folgen können? Unwahrscheinlich. Zumal die Flash basierte Hilfefunktion (Bea) ein Plug-In voraussetzt, das von Blinden kaum benötigt wird. Inhalte in Flash oder anderen Objekten, die mit Hilfe von Plug-Ins für Browser dargestellt werden, sollten daher auch als HTML-Code oder als beschreibender Text vorhanden sein. Ebenfalls Fehlanzeige.

Alternativen zu diesen netten Flashfilmchen für Blinde oder Gehörlose gibt es nicht. Obwohl doch gerade diese Zielgruppe oft auf eine gut Hilfefunktion angewiesen ist.

An alternativen Anzeigemöglichkeiten wurde aber ohnehin offensichtlich nicht gedacht. Insofern werden auch Menschen mit einer Kontrast-Sehschwäche möglicherweise ihre Probleme mit der Anzeige der Seiten haben. Immerhin ist die Schrift auf der Seite relativ gesetzt und somit skalierbar, was sich allerdings im Internet Explorer in Grenzen hält. Eine zusätzliche XXL-Version via Stylesheet wäre nett gewesen. Vor allem aber das Nicht-Vorhandensein einer lesbaren Print-Version, ein häufiger Kritik-Punkt in Punkto Usability, beeinträchtigt unter Umständen Menschen mit einer Leseschwäche, wenn sie sich die Seiten ausdrucken möchten, um sie später offline und in Ruhe zu lesen. Obwohl aus unserer Sicht eine "Nur-Text" Version keine echte Alternative darstellen würde, wäre es hier zumindest ein Zeichen von Goodwill − leider findet sich auf der Seite keine derartige Ansichtsoption.

Eine weitere Hürde, die ein gesundes Maß an Unkenntnis vermuten lässt, ist zum Beispiel die Verwendung von JavaScript-Befehlen, die unter Umständen die Anzeige und / oder Funktionsweise der Seite für Behinderte negativ beeinflussen. Bei JavaScript sind dies vor allem alle Elemente, die eine Eingabe per Maus voraussetzen. Denken Sie hierbei an Menschen, die über die Tastatur navigieren müssen. Alle Elemente, die via JavaScript oder ActiveX aufgerufen werden, können in textbasierten Browsern, wie beispielsweise Lynx, nicht angezeigt werden. Aber Lynx konnte ohnehin, wie bereits zuvor erwähnt, mit der Seite der Arbeitsagentur nichts anfangen.

Dass diese 15 Millionen Euro teure Seite obendrein noch immer Tabellen zum Layout, statt zur Darstellung von Datenmaterial nutzt, spricht Bände. Zwar sind Tabellen nicht grundsätzlich problematisch, weil aktuelle Screenreader mit einfachen Tabellen durchaus umgehen können. Mit Jaws 4.51 und Internet Explorer 6 treten zum Beispiel keine Probleme auf. Allerdings sind auf arbeitsagentur.de nicht nur einfache Tabellen verwendet worden, sondern bis zu dreifach verschachtelte. Das kann dann trotzdem zu Problemen führen. Auch bei einfachen Layouttabellen sollte man dann aber Tabellenspalten eindeutig identifizieren, beziehungsweise für eine Beschreibung (Summary) der Tabelleninhalte sorgen. Hat man aber nicht.

Nachdem wir also die Seite auf Herz und Nieren getestet hatten, und der Eindruck der Seite nicht barrierefreier werden wollte, haben wir noch einen letzten Blick in die Onlinehilfe der Arbeitsagentur geworfen. Klassischerweise finden sich hier Informationen zur Nutzung von Internetseiten. Und tatsächlich, hier finden sich unter anderem folgende Hinweise:

Bezeichnungen von Formularfeldern auf den Seiten von arbeitsagentur.de werden Ihnen angesagt. Auf der Braillezeile werden diese Feldbezeichnungen nicht ausgegeben.

Bitte beachten Sie, dass Anwender, die mehr als 10 Minuten keine Aktion auf arbeitsagentur.de durchgeführt haben, automatisch vom System abgemeldet werden. In so einem Fall müssen Sie sich erneut anmelden.

Formularfelder funktionieren also nicht mit Braillezeile (Arbeitsagentur schreibt übrigens Brailzeile), und das System der Arbeitsagentur arbeitet mit Sessions und meldet sich im Zweifelsfall automatisch ab. Bleibt noch zu erwähnen, dass sich die besagte Hilfe ebenfalls in einem Pop-Up öffnet. Übrigens auch mit dem Hinweis: Link will open in same window.

Auf eine Anfrage bei der Hotline der Arbeitsagentur (hotline@service.arbeitsagentur.de), was unter "barrierefrei" zu verstehen sei, gab es mit deutlicher Verzögerung eine irritierende Antwort: Die Bewertung "barrierefrei" beziehe sich darauf, dass unter anderem weder Cookies noch JavaScript erforderlich sind, um die Website aufzurufen und zu nutzen.

Was soll man da noch sagen. Entweder haben die, die es mit Barrierefreiheit ernst meinen etwas falsch verstanden, oder die Betreiber der virtuellen Arbeitsagentur dürfen bald mit einer Klage rechnen. Denn als offizielle Seite der Bundesanstalt für Arbeit sollte das Online-Angebot nach den Richtlinien der BITV barrierefrei sein. Wir dürfen gespannt sein.

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