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Typo3 barrierefrei - Schüttelreim oder große Kunst?

24. November 2005

Die eierlegende Wollmilchsau vieler Webentwickler in deutschen Internet-Landen heißt seit mehreren Jahren Typo3. Was einst als Content Management System in den Händen von Kasper Skårhøj begann ist inzwischen zu einem der umfangreichsten und meistgenutzten Content Management Frameworks im Open Source Bereich angewachsen. Ist Typo3 wirklich für jeden Anwendungsfall geeignet - zum Beispiel für Websites mit BITV-Konformität?

Orientierung im Irrgarten

Natürlich kann ein solcher Artikel nicht alle Anwendungsfälle abdecken. Deshalb konzentrieren wir uns auf den Anwendungsfall eines Gemeinde- oder Stadtportals mit Barrierefreiheits-Anspruch (BITV-Konformität). In diesem Zusammenhang können wir auch gleich mit mehreren Irrtümern aufräumen, die häufig mit Typo3 in Verbindung gebracht werden. Einige dieser Aussagen treffen natürlich auch auf andere Open Source Systeme zu, die unter der GPL stehen und einen ähnlichen Anspruch wie Typo3 haben.

Irrtum 1: Typo3 ist kostenlos

Das stimmt so nicht ganz. Richtig ist, dass Typo3 frei ist. Gemeint ist aber kein frei im Sinne von Freibier, sondern im Sinne von "freie Meinungsäußerung". Kostenlos ist es zwar auch, allerdings nur dann, wenn man alles an Typo3 selbst durchführen kann, von der Installation bis zur Anpassung der Systemfunktionen an die persönlichen Bedürfnisse.

Ein System, das sowohl für kleine und zum Teil private Websites als auch für hochdynamische und mit anderen Systemen vernetzte Unternehmensportale eingesetzt wird, verlangt nach zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten. Was derart variabel angelegt ist, ist in der Regel auch komplex. Das wiederum schreit nach Experten, die sich mit den zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten von Typo3 auskennen und für Ausnahmefälle bestens gerüstet sind - denn davon gibt es beim Arbeiten mit Typo3 eine Menge. Eigentlich ist der Ausnahmefall sogar die Regel, denn jede Website ist anders, jeder Anwendungsfall speziell und die Vielfalt der Lösungsmöglichkeiten fast unermesslich. Kurzum: Die Software selbst ist zwar frei und kostenlos, die Anpassung kostet jedoch Zeit und Geld, meist sogar beides und im schlimmsten Fall auch eine Menge Nerven.

Irrtum 2: Typo3 macht alles ganz einfach

Prinzipiell sollte jedes Content Management System die Arbeit der Redakteure vereinfachen. Und zwar ohne Kenntnisse in HTML, Programmierung und anderen technischen Finessen. Typo3 eignet sich dafür in besonders hohem Maße. Allerdings muss man Typo3 dazu individuell anpassen und das wiederum ist Expertensache. Nicht nur bei der Anpassung selbst, sondern insbesondere bei der Analyse der Arbeitsprozesse und der Systemumwelt. Eine derartige Beratung wird von erfahrenen Agenturen im Rahmen der Evaluation eines geeigneten Content Management Systems durchgeführt, denn nicht immer ist Typo3 die optimale Lösung. Bleiben wir aber bei Typo3 und halten fest, dass es möglich ist, die Arbeit mit Typo3 zu erleichtern, allerdings nur auf Kosten von individuellen Anpassungen, die nicht immer so einfach sind, dafür aber später die alltägliche Arbeit mit dem Content Management System auf Anwenderebene einfacher und so auch kostengünstiger gestalten.

Irrtum 3: Typo3 bietet Module für jeden Anwendungsfall

Beim Relaunch von Websites benehmen sich manche Kunden wie übermütige Kinder am Buffet: Die Augen sind größer als der Hunger und am Ende bleibt die Hälfte unangetastet auf dem Teller zurück. Auch hier gilt: Die sorgfältige Analyse im Vorfeld hilft dabei, die richtige Modulpalette zusammenzustellen und natürlich auch Kosten zu sparen, indem man sich auf die wichtigsten Anwendungsfälle fokussiert.

In der Tat bietet Typo3 ein schier unerschöpfliches Repertoire an Erweiterungen und Modulen, die man auch untereinander kombinieren kann und die Individualisierung der eigenen Website bis auf die Spitze treiben kann. Doch nicht jede Erweiterung bietet standardmäßig genau das, was ein Kunde gerne hätte. Spätestens jetzt ist individuelle Anpassung gefragt und damit ein Experte, der sich mit Typo3 und dem entsprechenden Modul auskennt. Am besten sogar noch mit dem Zusammenspiel der einzelnen Module untereinander und den Auswirkungen der individuellen Anpassungen auf zukünftige Updates - denn notdürftige Flickschusterei bei der Anpassung rächt sich spätestens beim nächsten Versionswechsel von Typo3 oder der Erweiterung selbst.

Deshalb ist es in manchen Fällen einfacher, kostengünstiger und damit effizienter, eine eigene Erweiterung für den speziellen Anwendungsfall zu entwickeln.

Ganz schön individuell ...

Typo3 ist immer dann gut, wenn es individuell angepasst wird. Erst dann kommen die Vorteile des Content Management Frameworks richtig zur Geltung, denn Typo3 bildet wirklich nur das Grundgerüst, mit dem erfahrene Agenturen und Entwickler dann das System für den konkreten Anwendungsfall kreieren. Dadurch ist jede Website mit Typo3 eine spezielle Lösung - zumindest dann, wenn die Pflege der Inhalte später im Alltag auch ohne Mühe von der Hand gehen soll. Und nur dann wird ein Content Management System auch angenommen, werden Inhalte gepflegt und bleiben Websites lebendig.

Was hat das aber alles mit Barrierefreiheit zu tun? Eine ganze Menge, wie wir finden. Im Prinzip müssen alle oben geschilderten Irrtümer aus dem Weg geräumt und durch den Kunden verstanden werden. Denn Barrierefreies Webdesign kann man nicht als Modul in Typo3 integrieren, bei dem alle Inhalte dann entsprechend den Anforderungen der BITV ausgegeben werden. Das wäre zwar schön und wünschenswert, entspricht aber überhaupt nicht der Realität! Und dennoch erleben wir es jeden Tag in Pressemitteilungen, bei Kundengesprächen und in Anfragen: Barrierefreies Webdesign wird allzu oft als Automatismus (Modul, Erweiterung) für teures Geld verkauft. Besonders häufig im Zusammenhang mit Typo3.

Das Geschäft mit der Unwissenheit

Früher warnte Eduard Zimmermann in seiner Sendung "Nepper, Schlepper, Bauernfänger" regelmäßig vor den windigen Tricks unseriöser Geschäftemacher. Gerade für barrierefreie Online-Lösungen sollte man eine solche Sendung ebenfalls einrichten und zum Pflichtprogramm für alle Verantwortlichen auf Entscheider-Seite machen. Um das Thema Barrierefreies Internet ranken sich viele Mythen und die Aufklärungsarbeit schreitet nur sehr langsam voran. Inzwischen sind die Schlagworte rund um Accessibility und Usability die neuen Buzzwords der Internet-Branche. Wirkliche Barrierefreiheit, wie sie beispielsweise beim BIENE-Award für Barrierefreies Webdesign gefordert und gefördert wird, bekommt man nicht "Out of the Box" sondern nur bei dafür ausgebildeten Webdesignern. Misstrauen Sie also vollautomatischer Barrierefreiheit oder ähnlichen vollmundigen Versprechungen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob Barrierefreiheit mit Typo3 überhaupt möglich ist, ohne dabei ein Vermögen zu investieren. Eine eindeutige Antwort gibt es sicherlich nicht, generell ist Barrierefreiheit aber in jedem Fall möglich - es ist nur eine Frage der Anpassung und der Komplexität der Anwendung. Kommen wir zurück zu unserem Beispiel einer kommunalen Website mit Typo3 und der Frage, ob man ein derartiges Portal nachhaltig barrierefrei gestalten kann.

Barrierefreiheit & Qualitätsmanagement

Wenn man eine barrierefreie Website nicht auf Knopfdruck erzeugen kann, dann liegt es nahe, dass man einen Prozess in Gang setzen muss. Dieser Prozess beginnt nicht erst mit der Programmierung der Website und endet nicht mit deren Live-Schaltung, sondern beginnt mit der sorgfältigen Planung und Analyse und durchläuft am Ende die immer gleiche Schleife der Erstellung von Inhalten.

Der Faktor Mensch spielt im Prozess der Produktion barrierefreier Inhalte eine entscheidende Rolle. Daher muss der Produktionsprozess auch auf den Menschen abgestimmt sein. Das erreicht man nicht allein dadurch, dass man den Redakteur im Umgang mit dem Werkzeug schult. Entscheidend sind nicht etwa technische Features, sondern zielgerichtete Lösungen, die dem Redakteur die Arbeit mit dem Content Management System im Alltag erleichtern. Gemeint sind nicht allein hauptberufliche Redakteure, sondern jene Personen, die in Unternehmen und Institutionen für die Erstellung und Pflege von Internet-Inhalten verantwortlich sind. Wenn es gelingt, diesen Personenkreis nachhaltig zu entlasten, kann die gewonnene Zeit in Qualitätssicherung oder -verbesserung investiert werden.

Was aber ist mit Qualitätssicherung im Sinne der Barrierefreiheit gemeint? Jeder neue Inhalt, jede Veränderung in der Website, bedeutet gleichermaßen die Notwendigkeit zur Kontrolle des Gesamtergebnisses. Im Internet heißt dieser Teil des Prozesses Validierung. Damit gemeint ist die Überprüfung einer Internetseite (oder einer gesamten Website) auf Übereinstimmung mit den zugrundeliegenden Standards des W3C für HTML und CSS. Validiert eine Website, dann entspricht sie den verwendeten Standards. Das ist die Grundvoraussetzung für Barrierefreiheit. In der Praxis wird in höchstens 3% aller Fälle eine derartige Überprüfung durchgeführt und so wundert es nicht, dass laut der letzten Validome-Studie bei 96% aller Websites um die Standardkonformität schlecht bestellt ist, Barrierefreiheit also nicht gegeben ist.

Mit Typo3 war es in der Vergangenheit leider ebenfalls nicht ganz unproblematisch, standardkonforme Internetseiten zu erstellen. Schuld daran sind neben dem WYSIWYG-Editor vor allem die vielen Module, deren Ausgabe von HTML-Code nicht immer den Richtlinien des W3C entspricht.

Qualitätsverbesserung mit Typo3

Dabei ist es mit etwas gutem Willen und entsprechenden Modifikationen ohne weiteres möglich, standardkonforme Internetseiten mit Typo3 und jedem anderen Content Management System auszugeben. Dazu braucht es nicht immer komplexe Programmierungen. Häufig bedarf es nur weniger Anpassungen sowie Redakteuren, die bereit sind, qualitativ hochwertige Inhalte zu erstellen und dies auch selbständig zu überprüfen. Doch auch hier gilt: Die Technik kann unterstützen, aber der Mensch muss mitdenken und lenken. Ein paar pfiffige und nützliche Module können die Arbeit erleichtern und sogar automatische Korrekturen durchführen, zumindest in einem begrenzten Umfang.

Zukünftige Versionen von Typo3 und anderen Content Management Systemen werden dem Redakteur sicherlich noch mehr Arbeit abnehmen und somit Raum für Qualitätsverbesserungen schaffen. Im kommerziellen Bereich gibt es mit SiteBOp und Web Compliance Manager bereits zwei namhafte Werkzeuge, die diese Idee aufgegriffen haben. Für die Open Source Szene ist es sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis es ähnliche oder sogar bessere Lösungen gibt, mit Tidy existiert zumindest ein Grundgerüst für ein derartiges Werkzeug. Wünschenswert wären derartige Tools allemal.

Schauen wir noch einmal kurz zurück auf die Validome-Studie: Wenn 96% aller Website nicht validieren, scheint etwas am Produktionsprozess nicht zu stimmen. Das wirft ein schlechtes Licht auf alle beteiligten Parteien, von der Agentur bis zum Redakteur. Erschreckend in diesem Zusammenhang sind Erfahrungen, die aus über 500 Barriere-Checks resultieren: Danach haben vor allem professionelle Dienstleister akuten Nachholbedarf. Das trifft sicherlich nicht auf alle Anbieter zu, aber wo Qualität an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, muss man diese Frage in den Raum stellen: Wie löst man das Qualitäts-Dilemma? Eine eindeutige Antwort müssen wir an dieser Stelle schuldig bleiben, zu vielschichtig ist das Problem.

Fazit & Ausblick

Typo3 und Barrierefreiheit schließen sich nicht aus, aber sie harmonieren nur dann, wenn der gesamte Produktionsprozess auf Barrierefreiheit ausgelegt ist - von der Planung, über die Integration bis zur Schulung der Redakteure.

Qualitativ hochwertige Websites entstehen in einem Prozess, der nicht allein durch technische Aufrüstung gelöst werden kann, sondern über Qualitätsarbeit auf allen Ebenen. Die Steuerung des Prozesses ist die eigentliche Herausforderung und wird von zu wenigen Dienstleistern ernst genommen, geschweige denn praktiziert. Auf der anderen Seite sind viele Kunden allzu leichtgläubig, vertrauen dem Urteil des Dienstleisters blind, frei nach dem Motto: "Wir haben ja einen Experten eingekauft." - ein trügerisches Urteil, wie die ernüchternden Zahlen belegen. Fragen Sie daher nach Referenzen und lassen Sie diese überprüfen oder sprechen Sie mit den Referenzen, respektive mit den Verantwortlichen. Auf diese Weise erhalten Sie einen guten Einblick, was gemacht wurde und wie es aus dem Blickwinkel des Kunden zu bewerten ist. Vielleicht fragen Sie bei dieser Gelegenheit auch nach Standardkonformität ... Sie werden überrascht sein. 

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Barrierefreies Internet

anatom5 engagiert sich mit dem Best of Accessibility Symposium und als Betreiber des Online-Magazins Barrierekompass schon lange und intensiv für Barrierefreiheit im Internet. Mit dem mittlerweile über 2000 Mal durchgeführten Barriere-Check verfügt die Düsseldorfer Agentur zudem über ein Testverfahren, das vielen Betreibern von Internetseiten einen guten Einstieg in die Materie "Barrierefreies Webdesign" liefert.

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