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Test: Du bist Deutschland

19. Oktober 2005

Deutschland ist man, wenn man nicht behindert ist. Nein, das ist nicht unsere Meinung - bevor hier irgendwelche Missverständnisse auftreten. Aber wer die Kampagne "Du bist Deutschland" im Internet besuchen möchte, stößt auf zahlreiche Hürden. Machen wir also einen virtuellen Hürdenlauf!

Von wem und für wen? 

Hinter der größten Social Marketing Kampagne Deutschlands stehen 25 führende Medienunternehmen. Kein Wunder also, dass für die Umsetzung der Marketingkampagne eine der derzeit führenden deutschen Kreativ-Agenturen angeheuert wurde. Ganz im Stil der Bild-Zeitung rollt man nun die Parole: "Du bist Deutschland" aus und möchte damit für mehr Optimismus, Nestwärme und Frohsinn eintreten. Nach "Wir sind Papst" und "Wir sind Kanzler" nun also "Du bist Deutschland". Prominente aus allen möglichen Bereichen, von Sport bis Volksmusik, geben ihren guten Namen für dieses Projekt. Unter anderem auch Bobby Brederlow. Martin Bayer, von de.indymedia.org, zieht seine persönliche Bilanz:

Und wozu? Damit wir "wenn nötig auch auf Privilegien verzichten"  (Edgar Medien AG im Medien-Infopaket), indem wir mittels "Motivation durch Gefühle" (Western Star) "mit Optimismus, Veränderungsbereitschaft, Kreativität und Spaß" (Axel Springer) feststellen: "Es muss Schluss sein mit dem allgemeinen Lamentieren." (Heinrich Bauer Verlag) Wichtig ist dabei das Fernsehen. Denn es "kann diese Botschaft emotional und glaubwürdig transportieren" (ProSiebenSat.1 Media AG). Dabei gilt: "Es ist Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und den Blick nach vorne zu richten." (Ströer Out-of-home-Media). 

Schöner hätten wir es auch nicht sagen können.

Nicht für behinderte Menschen 

Die Kampagne läuft seit dem 26. September 2005 in allen Medien - von Fernsehen über Zeitung bis Internet. Letzteres wäre vor allem für Menschen mit Behinderung ein wichtiges Medium, um sich mit der Kampagne und den Ideen dahinter auseinanderzusetzen. Kurzum: Um sich zu informieren. Schade nur, dass schon die Startseite nicht zugänglich ist.

 Zumindest nicht für Menschen, die auf einen Screenreader angewiesen sind. Dann erhält man beim Aufruf von www.du-bist-deutschland.de nämlich nur den Text "Du bist Deutschland" und sonst gar nichts. Kein Link zu einer weiteren Seite, kein alternativer Text. Dafür aber ein JavaScript, das erkennen soll, ob Flash installiert ist oder nicht. Ist JavaScript deaktiviert oder nutzt man einen Nur-Text-Browser, dann kommt man nicht weiter.

Doch nicht nur blinde Menschen werden mit der Seite wenig anfangen können. Auch Menschen mit einer Sehschwäche stoßen auf große Probleme allerorten. Nicht vergrößerbare Schriften, seitenlange Texte als Bild und der Rest in Flash. Das verdient die goldene Zitrone und ist absolutes Worst Practice. Höhepunkt der Website ist das Manifest, sozusagen das zentrale Dokument und damit das Gebetsbuch der Bewegung "Du bist Deutschland". Eine Hintergrundgrafik, die mit CSS eingeblended wird, beschreibt auf 38 Zeilen in schönstem Werber-Deutsch die Gründe, warum es toll ist, in Deutschland zu sein. Lesen Sie den vorstehenden Satz bitte noch einmal. In der Tat hat man Fließtext in eine Grafik gegossen und diese zu allem Überfluss auch noch transparent angelegt. Und weil es eine Hintergrundgrafik ist, gibt es auch keinen Alternativtext. Unglaublich, unverständlich, unmöglich!

Mitmachen kann man bei der Kampagne auch. Aber wenn behinderte Menschen mit der Website nichts anfangen können, dürfen sie auch nicht mitmachen. Dabei spielt das Thema Behinderung in den Filmspots sogar eine Rolle. Dies wirkt jedoch angesichts der katastrophalen Hürden der Website wie ein Lippenbekenntnis.

Wer ist Deutschland? 

Bin ich Deutschland? Und wer ist nun eigentlich Deutschland? Wir möchten hier nicht die Spaßbremse ziehen und den Miesepeter spielen, den die Kampagne auszutreiben versucht. Wir zweifeln auch nicht an der Ernsthaftigkeit und der Aufrichtigkeit. Ein mehr als schaler Beigeschmack bleibt: Professionelle Dienstleister sollten die Tragweite derartiger Medienpräsenz richtig einschätzen können und ihre Leistungen entsprechend darauf abstimmen. Gerade bei einer Kampagne, die Mut machen möchte, wäre Stringenz und Nachhaltigkeit von größter Bedeutung. Mut machen würde es uns, wenn die Kampagneros die Website noch einmal neu starten würden - dann aber bitte barrierefrei oder wenigstens barrierereduziert.

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