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Löchrig: Schweizer Zertifizierungs-Käse

17. August 2006

Die Schweiz ist bekannt für Präzision. Nicht umsonst genießen Schweizer Uhren und Werkzeuge seit jeher die Wertschätzung qualitätsbewusster Menschen, Unternehmen und Institutionen. Ein schweizer Zertifikat für barrierereie Websites sollte demzufolge das Nonplusultra der Barrierefreiheit sein.

Zertifizierte barrierefreie Website 

Im Rahmen des 6. Schweizer E-Government Symposiums wurde der Öffentlichkeit gestern das neue Qualitäts-Zertifikat "zertifizierte barrierefreie Website" vorgestellt. Die hierzu veröffentlichte Pressemitteilung preist die Vorzüge barrierefreier Websites und macht auch vor altbekannten Vorteilen für unterschiedliche Zielgruppen nicht Halt. Weitaus weniger erfährt man über die Zertifizierung selbst. Unter anderem lernt man, dass es sich um einen mehrstufigen Zertifizierungsprozess handelt, dessen einzelne Teststufen durch behinderte Accessibility-Spezialisten durchgeführt werden. Wer mehr wissen will, muss sich durch die Website von Zugang für alle arbeiten. Dort erfährt man dann, dass die Grundlagen für die Barrierefreiheits-Tests die deutsche Übersetzung der WCAG 1.0 und der schweizerische Bundesstandard P028 sind, wobei die eigentliche Bewertung des Zertifizierungsprozesses dann beide Richtlinien bedient. Eine gute Übersicht über die Konsequenzen und Möglichkeiten der einzelnen nationalen Richtlinien gibt der PDF-Artikel "Rechtliche Rahmenbedingungen des barrierefreien Internet-Zugangs" von Werner Schweibenz, der im Rahmen des IWP-Sonderheftes "Barrierefreiheit im Internet" veröffentlicht wurde.

Zertifizierungs-Zielgruppe 

Wenig überraschend ist demzufolge auch, für wen das Zertifikat gedacht ist:

Das Schweizerische Label für barrierefreie Websites richtet sich an Bund, Kantone und Gemeinden, die ihr Internetangebot von Gesetzes wegen barrierefrei anbieten müssen, sowie an private Unternehmen, die ihre Website allen zugänglich machen wollen. 

Diese Zielgruppe hat auch das deutsche Zertifikats-Äquivalent von DIN CERTCO im Visier, so dass nun im Zertifizierungs-Umfeld sogar eine Konkurrenzsituation droht - sofern das deutsche Zertifikat den Weg in die Öffentlichkeit findet. Seit Mai diesen Jahres, genauer seit der Veranstaltung "Mehr Wert für @lle 2006" in Kaiserslautern mit dem Workshop "Zertifizierung von Barrierefreiheit im Internet?", ist es wieder sehr ruhig um die deutschen Zertifikats-Bestrebungen geworden. Und mitten in diese Stille platzt nun die schweizer Offensive mit einem eigenen Zertifizierungsversuch. Gerade noch rechtzeitig für den Webkongress in Erlangen, bei dem wir das Thema "Barrierefreie Websites zertifizieren - geht das?" näher beleuchten werden. Endlich müssen wir uns dann nicht mehr mit Mutmaßungen begnügen, sondern können die Schwächen der vorliegenden Zertifikate direkt angehen und zur Diskussion stellen.

Pilot-Zertifizierung: Sieben auf einen Streich 

Zum Start des Zertifikats in der Schweiz wurden gleich sieben Websites mit einem Label ausgezeichnet. Anlass genug, sich diese ausgezeichneten Seiten genauer anzusehen und mit anderen ausgezeichneten Websites zu vergleichen - beispielsweise mit Gewinnern der BIENE. Zudem haben wir die Maßstäbe unseres Barriere-Check herangezogen, denn doppelt geprüft hält besser.

Das mehrstufige schweizer Testverfahren indes scheint nicht ganz ausgereift: Während bei der BIENE in der Grobprüfung bereits kräftig gesiebt wird und nicht valide Websites herausfallen, scheint Validität bei den Kollegen aus der Schweiz keinen hohen Stellenwert zu genießen, auch wenn Richtlinie 11 des Zertifizirungsprozesses etwas anderes aussagt und auch das Testverfahren, das der Zertifizierung zugrunde liegt kommt in Prüfpunkt 37 zu anderen Erkenntnissen. Nahezu alle sieben getesteten Websites konnten im Barriere-Check in Punkto Validität nicht überzeugen, allen voran die Erdgas-Website, die zum Teil mit haarsträubenden 376 Fehlern im HTML-Validator aufwartet und dennoch die Zertifikatsstufe "Zertifizierte Barrierefreie Website Qualität AA plus" aufweist. Besonderes Schmankerl: Das Label selbst ist auf der bemängelten Website ohne Alternativ-Text.

Löchriges Testverfahren 

Doch auch andere Testbereiche und andere Websites konnten einer einfachen Standardprüfung nicht Stand halten. Beispiele gefällig? Die SECO-Website "Die Volkswirtschaft" hat laut schweizer Zertifikat ebenfalls die höchste Auszeichnungsstufe, ergo die ultimative Barrierefreiheit, erreicht. Dabei funktioniert die Website nicht bei deaktiviertem JavaScript und in Formularen ist die Schrift nicht vergrößerbar. Doch die Website wartet mit noch ganz anderen Features auf: Weiterführende Links, die über ein kryptisches HTML-Konstrukt in die Seite eingebunden werden (statt mit bekannten und standardkonformen Methoden), sind in Nur-Text-Browsern, PDAs oder bei abgeschalteten Stylesheets gar nicht erst sichtbar, geschweige denn zugänglich. Das sind keine kleinen Hürden mehr, das sind Steilwände in den Alpen! Kontraste, die nicht eingehalten wurden, fehlende Kenntlichmachung besuchter Links, fehlende Übersprungmarken für Navigationen oder Linklisten und nicht barrierefreie PDF-Dokumente: Alles Prüfpunkte des Testverfahrens, allesamt nicht eingehalten.

Doch auch die Erdgas-Seite glänzt mit Typo3-Quelltext der schlimmsten Art: Der Bereich "Jobs Erdgas-Branche" weist Layout-Tabellen, Code-Fehler und schlecht gemachte Formulare auf. Zudem stützt es unsere These, dass barrierefrei mit Typo3 eben doch kein Kinderspiel ist. Und es wirft überdies die Frage auf: Was wurde hier getestet bzw. wie wurde getestet, dass am Ende die höchstmögliche Bewertung herauskommt? Ähnliche Fragen haben wir in der Vergangenheit für den BIK-Test aufgeworfen, aber derartige Kapriolen sind uns dort glücklicherweise durch mehr Transparenz im Gesamtprozess erspart geblieben.

Fazit aus allen Tests 

Sieben Zertifikate, von der einfachsten Stufe "Zertifizierte Barrierefreie Website Qualität A" bis zur bestmöglichen Barrierefreiheit "Zertifizierte Barrierefreie Website Qualität AA plus", wurden in der Schweiz ausgestellt. Dem Vergleich mit BIENE-Gewinnern der vergangenen Jahre sowie den strengen BIENE-Kriterien konnte keine der ausgezeichneten Websites wirklich Stand halten. Vor allem inhaltliche Schwächen, wie fehlende Sprachauszeichnungen und fehlende Auszeichnung von Abkürzungen und Akronymen, spielen hierbei eine große Rolle - den Aspekt der einfachen Sprache haben wir hierbei gänzlich außer Acht gelassen.

Die Tatsache, dass fast alle zertifizierten Websites nicht geräteunabhängig funktionierten, spricht eine deutliche Sprache in Bezug auf die Qualität des Labels und zeigt, wie sinnbefreit ein derartiges Zertifikat zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist. Wer großspurig die Vorzüge der Barrierefreiheit anpreist, sollte auch dafür Sorge tragen, dass am Ende das gewünschte Ergebnis steht. Eine Website, die in älteren Browser-Generationen (Stichwort 4er-Browser) den Zugang zu den Inhalten verbaut, ist eben nicht barrierefrei - dazu muss man kein Accessibility-Spezialist sein, sondern nur Benutzer.

Rund eintausend Euro muss man für eine Erst-Zertifizierung in der Schweiz auf den Tisch legen, vorausgesetzt man möchte keinen zusätzlichen Bericht und hat eine sehr einfache Website. Ansonsten können die Kosten auch ganz schnell auf rund dreitausend Euro für eine sehr komplexe Website ansteigen. Nicht gerade wenig, betrachtet man die Resultate aus unseren Tests. Sicherlich: Wer unbedingt ein Zertifikat möchte wird sich dadurch nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen. Wer Barrierefreiheit jedoch nicht für Checklisten sondern für Benutzer macht, sollte sich von dieser Art Zertifikat distanzieren.

Schnellschuss: Jetzt auch ein deutsches Zertifikat 

Noch während der Korrekturphase zu diesem Artikel flattert eine Pressemitteilung von AbI-Projekt und DIN CERTCO auf unseren Schreibtisch. Dort hat die schweizerische Zertifizierungs-Offensive offenbar schlummernde Kräfte freigesetzt und dazu geführt, dass man nun die Trägheitsschwelle überwunden hat und mit einer DIN zertifzierten Barrierefreiheit an die Öffentlichkeit geht. Das Qualitätsmerkmal lautet dann "DIN-Geprüft barrierefreie Website". Auch über die Kosten schweigt man sich nicht länger gänzlich aus: Mindestens 6000 Euro kostet demnach ein deutsches Zertifikat, wobei der Aufwand je nach Komplexität exponentiell wachsen dürfte und damit die Kosten entsprechend antreiben. Genaueres hierzu verrät die Gebührenordnung für die Zertifizierung, die von DIN CERTCO im Rahmen der Pressemitteilung ebenfalls veröffentlicht wurde.

Kostenmäßig hat man sich nicht an der Vorlage aus der Schweiz orientiert, so dass man getrost sagen kann, dass kleinere Projekte wohl nicht zur Zielgruppe der deutschen Zertifizierer gehören. DIN CERTCO nimmt mit derartigen Gebühren eine andere Zielgruppe ins Visier: Bundesbehörden, Landesbehörden und große Firmen. Das ist eine überschaubare Menge, angesichts der zu erwartenden Komplexität dürfte man in diesen Fällen aber sicherlich nicht mit dem Minimalbetrag von sechstausend Euro auskommen, sondern einem Vielfachen dieser Menge. Dafür erhält man als Gegenleistung DIN geprüfte Qualität, zumindest laut Papier.

Die eigentlichen Gewinner eines Zertifikates sind möglicherweise nicht jene, für die Barrierefreiheit ersonnen wurde. Vielleicht droht uns eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Zertifikate: Jene, die sich Zertifikate leisten können und jene, die sie eigentlich brauchen.

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