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Kompetenzsimulation

9. Februar 2005

Es gibt bestimmte Aspekte und Vorschriften rund um das Thema Barrierefreiheit im Allgemeinen und BITV im Konkreten, die immer wieder heftige Debatten auslösen. Neben den üblichen Verdächtigen, wie der Auszeichnung von Sprachwechseln und Abkürzungen sowie deren ultimativer Steigerungsform, der Auszeichnung von Abkürzungen, die Sprachwechsel beinhalten, hat sich mittlerweile auch das Thema "Einfache Sprache" (BITV 14.1.2) zum veritablen Dauerbrenner gemausert.

Während im Lager der Praktiker weitestgehende Übereinstimmung herrscht, daß die buchstabengetreue Einhaltung der BITV durchaus kontraproduktiv im Sinne der Les- und Hörbarkeit, also der Zugänglichkeit, eines Textes sein kann, werkeln die Theoretiker der Barrierefreiheit, inspiriert von ebenso stattlichen wie staatlichen Fördergeldern, unbeeindruckt an Testverfahren, die die Prüfung bestimmter BITV-Kriterien automatisieren, und damit womöglich objektivieren sollen.

BIK & "Einfache Sprache"

Zu welch skurrilen Höhenflügen die rein formalistische Betrachtung eines Regelwerks führen kann, zeigt das von BIK angewandte, beziehungsweise vorgeschlagene, Testverfahren zur Überprüfung der BITV 14.1.2 "Einfache Sprache":

Dort wird erklärt, wie man seinen Satzbau durch Microsoft Word (ab Version 2000), im Rahmen der Rechtschreibeprüfung, beurteilen lassen kann.

Durch diverse Abzähl- und Dividiervorgänge, im Wesentlichen der gefundenen Silben pro Wort sowie der Wörter pro Satz, ermittelt Word verschiedene Lesbarkeitsparameter. Deren wichtigster ist der "Flesch-Lesbarkeitsgrad" (100 = sehr leicht). Des Weiteren von Bedeutung sind die Satzkomplexität (100 = sehr komplex) und die Wortschatzkomplexität (100 = sehr komplex).

An dieser Stelle werden Sie sich möglicherweise fragen, wie man denn durch reine Rechenoperationen, ohne die Bedeutung der verwendeten Wörter, geschweige denn der Sätze, zu kennen, zu Aussagen über die Qualität eines Textes, in diesem Falle der Lesbarkeit, gelangen kann.

Theorie & Praxis

Schnelle Abhilfe schafft da ein Blick auf die Formel für den Flesch-Lesbarkeitsgrad:

206,835 - (1,015 * DSL) - (84,6 * DSW) = Flesch-Index.

Irgendwie ziemlich einleuchtend, oder etwa nicht? Sicher wäre man mit etwas Nachdenken auch selbst darauf gekommen. Manchmal fehlt halt einfach die richtige Inspiration.

Vor weiteren Erläuterungen der einzelnen Parameter des Flesch-Index, möchte ich Ihnen die Ergebnisse meiner ersten zaghaften Versuche, mich mit Hilfe des Flesch-Index der "einfachen Sprache" zu nähern, präsentieren. Wie Sie möglicherweise schon bemerkt haben, besteht diesbezüglich ein enormer Nachholbedarf meinerseits.

Ein erster Test mit einem von mir fälschlicherweise für vergleichsweise harmlos erachteten Alltagssatz folgenden Inhalts: "Der Wetterbericht meldete Sturm und, teils heftige, Hagelschauer."

ergab ein niederschmetterndes Ergebnis von:

  • Flesch-Lesbarkeitsgrad = 19 (100 = sehr leicht)

  • Satzkomplexität = 3 (100 = sehr komplex)

  • Wortschatzkomplexität = 80 (100 = sehr komplex)

Die geringe Satzkomplexität war zwar nicht schlecht, aber da in Standarddokumenten ein Flesch-Lesbarkeitsgrad von etwa 60 bis 70 angestrebt werden sollte, war das alles im Sinne "einfacher Sprache" natürlich noch viel zu kompliziert.

Etwas ratlos ob dieses einigermaßen verheerenden Fehlschlags, versuchte ich nun, die unerbittliche Maschine mit einer Charmeoffensive zu erweichen. Und siehe da: "Von Automaten lernen, heißt siegen lernen!" wurde schon deutlich freundlicher bewertet:

  • Flesch-Lesbarkeitsgrad = 32 (100 = sehr leicht)

  • Satzkomplexität = 6 (100 = sehr komplex)

  • Wortschatzkomplexität = 35 (100 = sehr komplex)

Fast schien mir der Blechmann aufmunternd mit seinem Lüfter zu surren, als ich die entscheidende Idee hatte. Ich sah mir einfach die Formel nochmal genau an:

206,835 - (1,015 * DSL) - (84,6 * DSW) = Flesch-Index

Hierbei gilt: DSL = durchschnittliche Satzlänge (die Anzahl der Wörter geteilt durch die Anzahl der Sätze) und DSW = durchschnittliche Anzahl der Silben pro Wort (die Anzahl der Silben geteilt durch die Anzahl der Wörter).

Kurze Sätze & kurze Wörter

Egal, warum ausgerechnet 206,835 etc. und nicht irgendwelche anderen Zahlen. Tatsache ist, dass die Silben pro Wort mit dem höchsten Faktor (84,6) gewichtet werden. Also will der Automat kurze Wörter sehen. Und kurze Sätze. Vor allem aber kurze Wörter. Ganz kurze. Na gut. Kein Problem: "Ich bin. Wer ist noch? Denn nur wer ist, weiß, was ist. Und wer isst noch? Denn nur wer isst, weiß, was er gegessen hat. Und nur wer essend ist, weiß, ob es schmeckt. Doch nur wer seiend isst, schmeckt ganz sein Essen. Einen guten ..." ergibt die sagenhafte, absolut vorschulgerechte Performance von:

  • Flesch-Lesbarkeitsgrad = 100 (100 = sehr leicht)

  • Satzkomplexität = 6 (100 = sehr komplex)

  • Wortschatzkomplexität = 2 (100 = sehr komplex)

Geht doch! Man muss halt nur wollen!

Sprachkultur & Standort

Selbst wenn sich also längere Textpassagen mit nicht performanter Silbenlänge unter Umständen nicht vermeiden lassen, so kann durch Einschub kurzwortiger Füllsätze die Durchschnittslesbarkeit wieder stark angehoben werden.

Immer wieder locker eingestreute Sätze wie: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so!" dienen künftig weniger der Deklaration eigener Sexualpreferenz, als vielmehr der Steigerung des Flesch-Lesbarkeitsgrades. "Ruf mich jetzt an!", vorzugsweise auch: "Ruf mich jetzt bloß nicht an!" werden wir möglicherweise bald dauernd zu lesen kriegen. Nun denn, 's is' ja für 'n guten Zweck.

Es könnte sich gar ein ganz neues Berufsbild etablieren: der Füllsatzredakteur. Der Meister des kurzen Satzes. Passend für jeden Kontext. Stakkatoartige Hammersätze produziert von staatlich geförderten Holzmichel-AGs als Chance für den Standort Deutschland.

Fazit

Im Ernst: ist es wirklich so schwer, zu begreifen, dass bestimmte Fragestellungen einfach nicht mittels Rechenregeln lösbar sind? Der gesamte Algorithmus zur Ermittlung des Flesch-Lesbarkeitsgrades, lässt sich auf die ebenso einfache, wie offenkundig fragwürdige Aussage reduzieren: kurze Wörter in kurzen Sätzen ergibt Lesbarkeit beziehungsweise "einfache Sprache".

Das Schrauben an bestimmten Parametern, um den Algorithmus mehr an den deutschen Sprachgebrauch anzupassen, würde an dieser Grundannahme gar nichts ändern.

Und auch der allfällige Hinweis, nur längere Textpassagen seien statistisch auswertbar, kann nicht wirklich überzeugen. Das Verfahren bliebe genau das gleiche: Silben zählen und durch Wörter dividieren. Bei längeren Texten käme lediglich ein gewisser Verdünnungsfaktor zum tragen. Wenn man also unsinnige Annahmen nur ausreichend mit zufälligerweise nicht unsinnigen Annahmen vermischen würde, so die implizite Hoffnung, ergäben sich schon sinnvolle Aussagen.

Seltsamerweise erhält jedoch alles, was irgendwie mit Zahlen, vorzugsweise in Gestalt von Formeln zu tun hat, automatisch den Anschein von Wissenschaftlichkeit und damit von Kompetenz. Der Glaube an die ultimative Problemlösungsfähigkeit von Computermodellen ist eine Art moderner Animismus, ein scheinbar unentrinnbarer Alltagsmythos, der von den allgegenwärtigen Benchmark-Neurotikern und Kompetenzsimulatoren gepflegt wird.

Sehr empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang ein immer noch hochaktuelles Buch aus den späten 70ern von Joseph Weizenbaum:Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. 

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