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DIN-Zertifikat für barrierefreie Websites

7. Juli 2004

Kürzlich unkten wir noch in einem Artikel, der auch auf unserer Partner-Seite contentmanager.de veröffentlicht wurde, dass es wohl bald ein Zertifikat für barrierefreie Internetseiten geben würde. Die Realität hat uns eingeholt, denn nun hat die Gesellschaft für Konformitätsbewertung DIN CERTCO das Heft in die Hand genommen und gibt ein Zertifikat und Qualitätszeichen für Barrierefreiheit heraus. Und zwar nicht nur für barrierefreie Internetseiten alleine, sondern für Barrierefreiheit allgemein, wie die Zeitschrift barrierefrei des AT-Fachverlags in Stuttgart in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet.

Generell haben wir nichts gegen ein Zertifikat für Barrierefreiheit einzuwenden, begrüßen es sogar vom Prinzip her. Wir fragen uns nur, wie dieses Vorhaben im IT-Bereich sinnvoll implementiert werden soll und dabei nicht Gefahr läuft, zu schnell veraltet zu sein. Denn im Gegensatz zu barrierefreien Toiletten, die einmal installiert und abgenommen werden, ändern sich barrierefreie Internetseiten unter Umständen mehrmals in der Stunde. Wie also bei Aktualisierungen der Seite die Barrierefreiheit der Seite sicherstellen und überprüfen? DIN CERTCO weist in seinen Unterlagen darauf hin, dass geprüfte Internetseiten "von DIN CERTCO während der Gültigkeitsdauer des Zertifikats fortlaufend überwacht [werden], d. h. es wird überprüft, ob sie weiterhin den festgelegten Anforderungen entsprechen". Was man unter fortlaufend zu verstehen hat, kann man der Gebührenordnung entnehmen, denn dort wird die Überwachung als gesonderter Kostenpunkt ausgewiesen. Überwachung also nur auf Wunsch für zahlungskräftige Klienten, ob man will, oder nicht:

Besteht eine Website eine Überwachungsprüfung nicht, findet innerhalb von acht Wochen eine kostenpflichtige Wiederholungsprüfung statt. Der Umfang der Wiederholungsprüfung entspricht dem der nicht bestandenen Überwachungsprüfung.

Und preiswert ist die Zertifizierung nicht. Schon der Einstieg ist mit Fixkosten in Höhe von etwa 1400 Euro behaftet, dazu kommen die variablen Kosten für die Konformitätsbewertung. Wohl dem, der sich das alles leisten kann und will. Da ist der Rückgriff auf das Bobby-Logo doch erheblich preiswerter und zudem direkt online nachprüfbar, wenngleich man Bobby relativ einfach austricksen kann, was natürlich ebenfalls negativ zu bewerten ist.

Wer überprüft nun also die Barrierefreiheit bei DIN CERTCO? Dieser Frage wollen wir an dieser Stelle etwas genauer nachgehen, denn in den Werbeprospekten von DIN CERTCO steht lediglich:

Die Prüfung wird von anerkannten Begutachtungsstellen auf der Grundlage eines teilautomatisierten Prüfverfahrens vorgenommen. Im Rahmen des Verfahrens erfolgt eine Einstufung nach Qualität und Umfang der im Zertifizierungsprogramm festgeschriebenen 3-Sterne-Klassifizierung. 

Fazit

Die Überprüfung wird nicht selbst vorgenommen. Nach einigem Suchen, Bohren und Stöbern im Internet und in einschlägigen Listen - allen voran die immer sehr informative Mailing-Liste des Fraunhofer Instituts zum Thema Barrierefreies Internet - stellte sich dann heraus, dass die Berliner Agentur panta rhei systems für die Prüfung verantwortlich zeichnet. Die eigene Seite der Agentur ist mit folgendem Verweis ausgestattet: "Die Internet Seiten der panta rhei systems sind für den barrierefreien Zugriff optimiert." Sind sie nicht. Ebensowenig, wie die Seiten von DIN CERTCO, die zudem mit Frames daherkommen. Und da soll dann eine Seite kompetent auf Barrierefreiheit getestet werden, wo man es selbst nicht richtig vorlebt? Ist ja gerade so, als wenn eine Werbung für DIN-Normen auf einem selbst zusammengeschnitten Stück Papier daherkommt und nicht als auf DIN-Lang gefalztes DIN-A4 Blatt.

Ansonsten wirkt die Kampagne, die DIN CERTCO mit der Zertifizierung für barrierefreie Internetseiten anstrebt, sehr durchdacht. Davon zeugen auch die Dokumente zur Anmeldung, Informationen zur Zeritifzierung und die Gebührenordnung, die jeweils als PDF-Dokument erhältlich sind. Sicherlich ist das Angebot zur Zertifizierung für bestimmte Zielgruppen durchaus interessant, denn es gibt den Anbietern von Internetseiten eine gewisse Sicherheit und schützt unter Umständen vor Anfeindungen, beziehungsweise stärkt das Vertrauen beim Verbraucher / Besucher. Aber nur dann, wenn eine regelmäßige Überwachung sichergestellt ist und das kann, wie zuvor bereits ausgeführt, unter Umständen teuer werden.

Gut also, dass es Alternativen zum Zertifikat von DIN CERTCO gibt, auch wenn diese leider nicht vom Klang des großen DIN profitieren können. Schlechter sind sie deswegen auf keinen Fall. Neben dem automatischen Imergo des Fraunhofer Instituts gibt es noch eine Reihe von Anbietern manueller Testverfahren, wie übrigens auch der Barriere-Check des Barrierekompass. Hier kann man sich ebenfalls über die Barrierefreiheit seiner Seite informieren, ohne direkt ein Jahres-Budget für die Zertifizierung loszuwerden. Und man kann sich auch mit dem BIENE-Award für besonders gute barrierefreie Seiten adeln lassen - dort wird dann natürlich geprüft, wie barrierefrei die eigene Seite ist. Kostenlos. 

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Als Agentur für Universelles Design und Herausgeber des Barrierekompass, hat anatom5 über die letzten 13 Jahre eine weitreichende Expertise im Bereich barrierefreie Informationstechnologie erlangt.

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