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Der BIENE-Wettbewerb in der Krise?

17. Oktober 2008

Das Internet hat so seine Schwierigkeiten mit Wettbewerben, was Preiswürdigkeit und Erwartungshaltung betrifft. Als die ZEIT 1996 den ersten Internet-Literaturwettbewerb ausrief, waren die Veranstalter über die Ergebnisse enttäuscht. Zu sehr waren die Beiträge noch textorientiert und nicht auf der Höhe des technisch Machbaren. Als der Wettbewerb dann allmählich in die Jahre kam, hat sich das Verhältnis Text und Technik zwar umgekehrt, aber die Veranstalter waren nun überfordert von der Technik und fragten, wo die Literatur geblieben sei. Flash, DHTML und interaktive Elemente hatten Einzug gehalten und veränderten das Bild von Literatur im Internet mehr als nachhaltig. Die ZEIT hat darauf den Wettbewerb eingestellt.

Sicherlich ist das eine etwas freie Interpretation meinerseits, aber sie zeigt, wie schwierig es ist, aktuelle und zukünftige Entwicklungen zu bewerben und zu bepreisen. Für die Barrierefreiheit im Internet lässt sich das für den BIENE-Wettbewerb durchaus analog sehen. Seit 2003 zeichnet die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen die besten deutschsprachigen barrierefreien Angebote im Internet mit einer BIENE aus. Abgebildet soll nicht nur der Ist-Zustand werden, sondern vor allem Lösungen für die Zukunft. Das ist an sich schon ein sehr hoher Anspruch. Denn die Koppelung von Ist- und Soll-Zustand ist ein heikles Unterfangen, müssen dem nicht nur die eingereichten Beiträge entsprechen, auch Jury, Test- und Preiskriterien stets auf dem aktuellen Stand gehalten werden. Im Bereich der Barrierefreiheit dreht sich die Schraube noch ein Stück problematischer weiter. Hier hinken Gesetzgebung, Checklisten, Standards und Alltagstauglichkeit seit Jahren hinterher, sind am Auf- und Nachholen. Jetzt hatte man endlich den Punkt des Fast-Gleichstands erreicht, eine griffige Gesetzgebung (BITV), leicht modifizierbare Checklisten, fast durchsetzbare Standards und einen guten Stand hinsichtlich der Alltagstauglichkeit.

Aber dann wurde Web 2.0 nicht nur zum Buzzword, es wurde auch tatsächlich im Alltag eingesetzt. Ist- und Sollzustand der Barrierefreiheit entfernten sich immer weiter voneinander, im Agenturalltag stand man plötzlich wieder vor der Frage der Alternativversion. Weder die assistive Technik noch das individuelle Wissen waren auf dem aktuellen Stand. Zwischen Ist- und Sollzustand machte sich eine Schere auf. Die Veranstalter der BIENE nahmen sich dieser Herausforderung an und eine Auszeit, um Testverfahren und Preiskriterien mit den aktuellen Anforderungen abzugleichen. Die Anstrengungen sind bekannt, eine Online-Umfrage und ein ganzes Symposium bildeten die Grundlage für diese Neubewertung. Der Abschluss dieser Neugestaltung ist nun die Vergabe der BIENE 2008. Diese wurde jetzt verschoben auf Ende Januar 2009, weil sehr viele komplexe Online-Angebote zu testen sind. Komplex meint sowohl umfassendere Online-Angebote als auch interaktive Auftritte. Letztere lassen sich mit dem Begriff Web 2.0 fassen.

Allein diese Verschiebung und der Hinweis auf die Komplexität der Aufgabe hat den Barrierekompass dazu veranlasst, eine durchaus richtige Frage an die Veranstalter zu stellen: Ist das Testverfahren wirklich für das Web 2.0 ausgereift? Vielleicht sollte man die Frage noch etwas zugespitzter formulieren: Ist der BIENE-Wettbewerb mit seinen Prüfkriterien überhaupt auf Dauer aktualisierbar und damit zukünftig nachhaltig? Sehen wir uns doch schlicht den aktualisierten Kriterienkatalog an: Sicherlich hier wurden entscheidende inhaltliche und technische Bereiche wie Chat, komplexe Abläufe in Formularen und Shops und selbst nutzergenerierter Inhalt aufgearbeitet. Die typischen Web 2.0 Anwendungen sind jedoch eher stiefmütterlich erfasst: Da gibt es einen zarten Verweis auf das automatische Vervollständigung in Suchfeldern, dort gibt es Hinweise auf Änderungen in Teilbereichen der Webseite und dynamisch erzeugte Rückmeldungen, was wohl einen AJAX-Einsatz meint. Aber sehr durchdrungen scheint dieser Katalog nicht. Was auch nicht wundert, schließlich ist der Schulterschluß zwischen AJAX und Barrierefreiheit immer noch im Fluß. So richtig die Aktualisierung des Kriterienkatalogs um die genannten Bereiche und Techniken ist, so kursorisch wirken sie noch auf den Anwender. Da scheint es wirklich noch Bedarf zu geben. Andererseits werden Altlasten wie das Vermeiden von Layouttabellen, die Prüfung auf alte Schriftformatierungen wie FONT-Elemente und barrierefreie Frames immer noch mitgeschleppt. Darauf könnte man heute wirklich verzichten. Projekte, die mit diesen Altlasten erstellt wurden, sollten gar nicht begutachtet werden. Altlasten dieser Art blähen einen Kriterienkatalog schlicht nur auf.

Also ist es durchaus gerechtfertigt, wenn man die Frage stellt, ob das Testverfahren und damit die Ergebnisse aus Online-Umfrage und Symposium für die Web 2.0 Welt ausreichend sind. Der Kriterienkatalog scheint es nur bedingt zu sein. Aber uns sind ja nicht alle Verfahrensweisen und -inhalte bekannt. Ein Ergebnis der verlängerten Testphase könnte sein, dass die Prüfkriterien danach neu ergänzt werden können, was ja schon ein wichtiges Ziel in Richtung zukünftige Nachhaltigkeit wäre. Gerade weil wegweisende Konzepte vom BIENE-Wettbewerb und von den -Gewinnern erwartet werden, und das auch noch in Sachen Barrierefreiheit und Web 2.0, ist eine gewisse Enttäuschung bereits vorprogrammiert. Web 2.0 hat die Barrierefreiheit im Internet nachhaltig verändert. Die BIENE hat jedoch den Wettbewerb nicht eingestellt, sondern versucht sich unter erschwerten Bedingungen rapide zu verändern. Ob die Gewinner über jeden Zweifel erhaben sein werden, wie der Barrierekompass anmerkt, sollte nicht mehr der Anspruch sein. Es geht letztlich darum, Ist- und Soll-Zustand in der Barrierefreiheit abzugleichen. Die Lösungen für die Zukunft werden immer schwerer in Kriterien-Kataloge zu fassen sein. Wenn der BIENE-Wettbewerb es dennoch versucht, dann ist das schon ne ganze Menge. Sehen wir uns die Ergebnisse genau an!

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