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Barrierefreie Informationstechnik gleich barrierefreies Webdesign

22. Januar 2005

Am 16. April 2005 treffen sich in Bonn Online-Journalistinnen und -Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet zur DJV-Tagung "Besser Online!". Unter der Überschrift "Programmbegleitend, barriere- und werbefrei: Das Web der Zumutungen?" gehen Fachleute unter anderem der Frage nach, ob Onlinejournalismus unzumutbaren Anforderungen unterworfen ist? 

Öffentlich-rechtliche Sender dürfen im Netz nur noch ihr Hörfunk- und TV-Programm "begleiten", privatwirtschaftliche Angebote sollen nur mit klar erkennbarer Werbung arbeiten und alle Angebote sollen frei zugänglich, barrierefrei sein: Kriterien, die in anderen Medien, gleich ob Print, TV oder Hörfunk nicht gelten. Sind Internetangebote deswegen so angreifbar, weil sie 24 Stunden am Tag zugänglich sind und sich nicht einfach "versenden"? Ist der Netzjournalimus die Zielscheibe für Alt-Medienformen, die sich vor der Konkurrenz fürchten? 

Die Frage nach einer übergreifenden barrierefreien Informationstechnik, die die DJV-Tagung Besser Online! aufwirft, ist interessant und macht neugierig auf die Antworten, die bei der Veranstaltung vielleicht gefunden werden. Auch wir vom Barrierekompass stellen uns immer wieder die Frage, warum Barrierefreie Informationstechnik in der Regel auf Barrierefreies Webdesign reduziert wird und in diesem Bereich die lautstärksten Forderungen verzeichnet.

Forderungen Barrierefreies Webdesign

Ob allgemein verständliche Sprache, Alternativen für Bildelemente, Auszeichnung von Fremdwörtern und Sprachwechseln, Skalierbarkeit von Texten, oder Zugänglichkeit der Inhalte für alternative Ausgabemedien, wie Screenreader oder Braillezeile, die Liste der Forderungen für Barrierefreiheit im Internet ist lang. Zusätzliche Hilfen, wie Gebärdenvideos und die Bereitstellung aller Inhalte in einfacher Sprache runden den Wunschzettel ab. Warum lassen sich all diese Forderungen nicht zum Beispiel auf Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine übertragen. Die Zeiten des manuellen Bleisatzes à la Gutenberg sind doch lange vorbei.

Jedes Printprodukt liegt lange bevor wir es in unseren Fingern halten in digitaler Form vor. Layoutprogramme, wie Quark Express oder Indesign verwalten nichts anderes als Content in einem vorgegebene Raster. Vereinfacht ausgedrückt besteht der Inhalt von Zeitungen und Zeitschriften aus Bild und Text. Letzterer wird sogar meist über Templates in Überschriften, Untertitel, Fließtext, Marginalien, usw. hierarchisch geordnet. Wir sprechen also auch bei der Produktion von hochauflagigen Printprodukten eigentlich nur über strukturierten Inhalt (inklusive redaktioneller Bilder, Grafiken und Datentabellen) und Design, sprich das Zeitungsraster (das alles ist übrigens unabhängig von jeder Druckvorstufe, auf deren Eigenheiten wir hier nicht näher eingehen wollen).

Der Produktionsprozess von Zeitungen und Zeitschriften basiert also schon auf der Trennung von Inhalt und Design, der Grundlage für Barrierefreiheit. Insofern würde es doch nahe liegen, einige Forderungen der barrierefreien Informationstechnik auch für Printproduktionen zu fordern. Zum Beispiel einfache Sprache. Wer kann heute noch von sich behaupten jedes Wort im Spiegel wirklich verstanden zu haben? Von Bandwurmsätzen mal abgesehen.

Wieso ist also noch keiner auf die Idee gekommen, für Medien, wie den Spiegel, ein Glossar aller verwendeten Fremdworte am Ende des Hefts zu fordern. Technisch wäre es vollkommen unproblematisch, Text automatisch auf Fremdwörter zu parsen und diese dann im Layout des Magazins als letzte Seite mit den entsprechenden Antworten, die natürlich aus einer Datenbank kommen, zu generieren. Ein derartiges Glossar wäre obendrein sicherlich ein äußerst begehrtes Werbeumfeld - zum Beispiel für Langenscheidt, oder den Brockhaus.

Das Gleiche funktioniert übrigens auch mit Abkürzungen. Der Text wird noch in der Druckvorstufe automatisch auf Abkürzungen kontrolliert und dann durch ihre Bedeutung ergänzt. Beispiel: GmbH wird zu GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung). Um unschöne Umbrüche im Text braucht man sich eigentlich auch keine Sorgen zu machen, denn der wird bei hochauflagigen Printprodukten ohnehin nicht mehr von Hand gesetzt. Insofern fordern wir hiermit Auszeichnung von Abkürzungen, Akronymen und Sprachwechseln, sowie die Integration eines Glossars bei allen gedruckten Auflagenmedien. Kein Scherz.

HTML-Version auf beigefügter CD-ROM

Als kleines Zuatzschmankerl würde ich mir persönlich eine automatisch erzeugte HTML-Version wünschen, mit einem simplen einspaltigen CSS-Layout, für maximale Skalierbarkeit. Da die verschiedenen hierarchischen Abstufungen der Texte (siehe oben) ohnehin vorhanden sind, sollte es auch kein Problem sein, daraus ein tabellenfreies und semantisch korrektes HTML-Dokument zu erzeugen. Das Ganze dann auf eine CD-ROM gepackt und hinten direkt neben das Glossar geklebt, fertig ist die barrierefreie HTML-Version. Ergänzt man dieses kleine Paketchen jetzt noch durch einen kostenlosen Screenreader, macht man nicht nur blinden und stark sehbehinderten Menschen eine Freude. Vielleicht komme ich dann endlich auch mal wieder dazu, mir den Spiegel vorlesen zu lassen.

Übrigens, die auf diese Weise erzeugten Dokumente könnte man natürlich auch hervorragend archivieren und zeitversetzt auf Spiegel-Online kostenpflichtig zum Download anbieten. Online recherchierbar selbstverständlich.

Liebe Online-Journalistinnen und -Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet, die ihr zur DJV-Tagung Besser Online! geht, vielleicht konnten wir euch einige Forderungen der Zukunft mit auf den Weg geben. Die Barrierefreiheit ist tot, lang lebe die Barrierefreiheit.

Übrigens: Das Unternehmen, das oben genannte Software Quark Express entwickelt hat, wird oft als Best-Practice-Beispiel für Barrierefreiheit im Internet genannt, denn auch quark.com setzt auf Barrierefreiheit. 

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