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Barrierefreie Autorensysteme: von ATAG bis WCAG und weiter

15. November 2004

Bereits im Vorfeld der Contentmanager.days 2004 war uns ein Trend aufgefallen: Immer mehr Hersteller von Content Management Systemen preisen ihre Software als barrierefrei und wer das nicht tut, wirbt zumindest mit barrierefreier Ausgabe. Beides sollte man kritisch begutachten, denn nicht immer ist barrierefrei drin, wo barrierefrei draufsteht. Deshalb wollten wir die Gelegenheit in Leipzig nutzen, den zahlreich anwesenden Herstellern von Content Management Systemen die entsprechenden Richtlinien mit auf den Weg zu geben und vielleicht den ein oder anderen zum Weiterentwickeln der Software anzuregen, statt den Marketing-Abteilungen das Feld mit ständig neuen Buzzwords zu überlassen.

ATAG: Best Practice 

Gute barrierefreie Internetseiten gibt es schon einige. Gute barrierefreie Autorensysteme, sprich Content Management Systeme, gibt es noch gar nicht. Nicht ein einziges. Wie schon die WCAG, wird auch die ATAG in drei Prioritätsstufen aufgeteilt (AAA, AA, A). Zur Zeit erfüllt kein System am Weltmarkt die Anforderungen an die erste Prioritätsstufe. Peinlich, denn die ATAG gibt es schon seit 1999.

Was ist das eigentlich, dieses ATAG?

Um zu verstehen, was die ATAG sind, muss man zunächst wissen, wer alles davon betroffen ist. Da es um Autorenwerkzeuge (Authoring Tools) geht, wird wohl jeder direkt an Content Management Systeme vom Schlag Typo3 oder RedDot denken. Oder aber an eines der vielen Weblog-Systeme, die heute schon zum Teil sehr standardkonform arbeiten. Dabei ist das Feld der ATAG viel weiter gefasst, denn sogar Macromedia Dreamweaver, Microsoft Word und auch Macromedia Flash fallen unter diese Richtlinien. Warum? Mit allen kann man entweder direkt HTML-Inhalte erzeugen, oder aber multimediale Inhalte generieren, die wiederum in HTML-Seiten eingebettet werden können. Was muss man nun also wissen, um die Authoring Tools Accessibility Guidelines in die Praxis umzusetzen? Ist es am Ende vielleicht sogar unmöglich?

Ein kurzer Blick auf die sieben Richtlinien der ATAG bringt etwas mehr Klarheit:

  1. Unterstützung zugänglicher Redaktions-Verfahren
  2. Generierung von Standard Syntax (Markup-Elemente)
  3. Unterstützung bei der Erstellung zugänglicher Inhalte
  4. Möglichkeiten zur Überprüfung und Verbesserung von nicht zugänglichen Inhalten
  5. Integration von Accessibility-Lösungen in das allgemeine "Look & Feel"
  6. Förderung von Zugänglichkeit in Form von Hilfe und Dokumentation
  7. Sicherstellung, dass die Redaktions-Software auch für Autoren mit Behinderungen zugänglich ist

ATAG in der Praxis

Doch was bedeutet das im Klartext? Da ist zunächst die Eingabe barrierefreier Inhalte. Das Autorenwerkzeug soll den Redakteur beim Eingeben von Inhalten dahingehend unterstützen. Beispielsweise ist es notwendig, beim Einsetzen von Bildern das entsprechende Alt-Attribut abzufragen und den Redakteur zum Ausfüllen dieses Feldes mit Hilfe einer Benutzermaske aufzufordern. Das gilt natürlich auch für alternative Inhalte, die bei multimedialen Präsentationen im Sinne der WCAG vorgehalten werden müssen.

Sind die Inhalte einmal eingegeben, kann das Content Management System hieraus die entsprechende Ausgabe generieren. Natürlich barrierefrei und standardkonform. Dazu ist es unter Umständen notwendig, dass nicht barrierefreie oder nicht standardkonforme Elemente entweder automatisch vom System selbst korrigiert werden, oder aber über Benutzerabfragen teilautomatisch überprüft und gegebenenfalls berichtigt werden können. Letzteres setzt voraus, dass der Redakteur sich zumindest mit der Bedienung des Content Management Systems auskennt. Für alles weitere muss dann eine aussagekräftige Hilfe zum Einzelfall angeboten werden, die zum einen Hinweise über die Anforderungen der Barrierefreiheit für den entsprechenden Punkt bereitstellt und zum anderen Korrekturhinweise liefert, die sich vom Redakteur in die Praxis umsetzen lassen.

Schlußendlich müssen alle Funktionen des Autorensystems durch Menschen mit Behinderungen nutzbar sein. Dabei hilft unter anderem ein durchgängiges Benutzerkonzept für Navigation, Funktionalität und optische Anmutung. Letzteres führt zu einem einheitlichen Look & Feel der Benutzeroberfläche, wie sie auch von verschiedenen ISO-Normen gefordert wird. Allen voran ist hier die ISO TS 16071 zu nennen, die sich mit der Zugänglichkeit von Software beschäftigt. Im Rahmen der ATAG 2.0 wird diese Norm zu einem zentralen Baustein. Auch und vor allem deshalb, weil hierin Fehler und Rückmeldungen von Software-Anwendungen geregelt werden. Gegenwärtig ist dies sicherlich noch einer der Schwachpunkte von Content Management Systemen, denn entweder werden Fehler gar nicht erst gemeldet, oder aber technisch verklausuliert, so dass ein Benutzer des Systems gezwungen ist, die technische Dokumentation (falls vorhanden) zur Hand zu haben und zu hoffen, dass dort entsprechende Hilfe zu finden ist.

Wo kein Richter ...

Im Gegensatz zur Umsetzung der WCAG, die ja in Deutschland im Rahmen der BITV zum einklagbaren Recht wurde, gibt es für die ATAG keine Rechtsgrundlage. Es ist eine W3C-Richtlinie. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Natürlich kann man argumentieren, dass man die ATAG ja nicht einhalten muss und es demzufolge auch nicht notwendig ist, diese in die Praxis umzusetzen. Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht übersehen, dass viele öffentliche Ausschreibungen für Intranets bereits auf den Punkt "barrierefreie Eingabe von Inhalten" ausgerichtet sind und somit eine wesentliche Forderung der ATAG beinhalten.

Wettlauf um das erste ATAG-konforme Autorensystem

Barrierefreie Autorensysteme sind machbar. Das zeigen die aktuellen Bemühungen von Macromedia für den HTML-WYSIWYG-Editor Dreamweaver. Dieser entspricht vielen Anforderungspunkten der ATAG, es reichte aber bislang nicht zur Einhaltung der ersten Prioritätsstufe. Mit der hauseigenen Accessibility-Initiative hat Macromedia nun weitere Schritte eingeleitet, um Dreamweaver in Einklang mit den ATAG zu bringen. Dann wäre es das erste Autorensystem, das den ATAG entspricht. Es sei denn, andere Hersteller bemühen sich ebenfalls um dieses Thema und erkennen das Marketing-Potential, das in der Einhaltung dieser Standards steckt. Ein Stück Aufklärungsarbeit zur Zielerreichung haben wir in den vergangenen Tagen in Leipzig geleistet. Es wäre schön, wenn wir an dieser Stelle bald eine Erfolgsmeldung veröffentlichen könnten. 

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